Für die 25. Ausgabe meiner UEFA55-Reise landete die virtuelle Stecknadel im Nordosten unseres schönen Kontinents Europa!

Der baltische Staat Estland ist in erster Linie für seine nahezu unberührte Natur mit Urwäldern, Nationalparks, felsigen Stränden und über 1500 Ostsee-Inseln bekannt. Das Land mit einer Vielzahl von historischen Bauwerken und Hügelfestungen ist etwas größer als die Schweiz…besitzt im Vergleich zu den gut 8 Millionen Eidgenossen aber nur 1,3 Millionen Einwohner!

Aufgrund seiner geografischen Abgeschiedenheit an der russischen Grenze hört man im gut 1800 km entfernten Deutschland in Sachen Kultur, Sport, Musik und Glamour nicht allzu viel vom seit 1991 unabhängigen Estland! Die etwas Älteren in unserem Kreis werden sich vielleicht noch an eine Sängerin namens Corinna May erinnern, die beim Eurovision Song Contest 2002 für Deutschland einen ausbaufähigen 21. Platz erreichte…all das ereignete sich in der estnischen Hauptstadt Tallinn und sollte für lange Zeit das einzige kulturelle Großereignis bleiben!

Leider konnte auch die estnische Fußballnationalmannschaft in der jüngeren Vergangenheit nur wenig Euphorie bei ihren durchaus sehr fussballbegeisterten Landsleuten erzeugen! Als größter Erfolg ist hier die Teilnahme an den Play-Off-Spielen zur Endrunde der UEFA-Europameisterschaft 2012 vermerkt (1:5 gegen Irland)…keine einzige Teilnahme an Welt- und Europameisterschaften, Platz 99 in der FIFA-Weltrangliste (eingebettet von Jordanien und Palästina) und zuletzt eine derbe 0:8-Klatsche gegen Deutschland sprechen eine deutliche Sprache und sorgen in der ersten Liga des Landes nur bedingt für ein erhöhtes Interesse am einheimischen (Profi-)Fußball!

Die A. Le Coq Premium liiga besteht aus insgesamt 10 Mannschaften, die ihre Meisterschaftsspiele im „Kalenderjahr“ von März bis November austragen! Seit der Erstaustragung der Liga im Jahr 1992 konnte mit dem mittlerweile aufgelösten Club FC Levadia Maardu nur ein Verein die Meisterschaft gewinnen, der nicht aus der Hauptstadt Tallinn stammt! Auch heute wird die Liga vom Hauptstadtfussball dominiert…insgesamt vier Tallinner Teams befinden sich auf dem Tableau der Premium Liga!

Für mich stand am 16. Spieltag der Saison 2019 ein echtes Spitzenspiel und Hauptstadtduell auf dem Programm…Tabellenführer und Rekordmeister FC Flora Tallinn gegen den Dritten und amtierenden Meister Nõmme Kalju FC!

Das Spiel fand im estnischen Nationalstadion statt, welches wenig überraschend auch nach dem allgegenwärtigen estnischen Brauereikonzern A. Le Coq benannt wurde. Die moderne Arena wurde 2001 erbaut und durch die Nationalmannschaft im Spiel gegen die Niederlande vor 9.692 Zuschauern eröffnet. Was zum damaligen Zeitpunkt als restlos ausverkauft galt, ist nach der kürzlichen Stadionerweiterung nur noch Statistik. Eigens für den UEFA Supercup 2018 und dem Stadtderby zwischen Real Madrid und Atlético de Madrid (2:4 n.V.) wurde das Stadion auf die aktuelle Kapazität von 15.000 Zuschauern ausgebaut! Damit ist die schmucke Arena Estlands größtes Stadion!

Beide Kapazitäten werden im Ligaalltag der ersten estnischen Liga aber nicht ansatzweise benötigt! Normalerweise treffen die Teams der „Premium Liiga“ vor maximal dreistelligen Zuschauerzahlen aufeinander!

Diesbezüglich muss das von mir besuchte Spitzenspiel diesmal die Massen elektrisiert haben…insgesamt 1673 Zuschauer „fluteten“ die Arena und sorgten für einen würdigen Rahmen am Dienstagabend!

Nach Zahlung des äußerst fairen Eintrittspreises von 5 Euro gab es bei freier Platzwahl eine hervorragende Sicht auf das Spielfeld! Beim Einlauf beider Mannschaften sollte dann absolute Champions League-Atmosphäre herrschen…dies lag nicht an der Begeisterungsfähigkeit der Zuschauer, sondern an der offiziellen klassischen Liga-Hymne…rückblickend vielleicht „etwas zu viel“!

Das anschließende Spiel war insgesamt harte Kost und rein niveautechnisch irgendwo im Mittelfeld einer deutschen Regionalliga anzusiedeln! 

Das soll jetzt auf keinen Fall despektierlich klingen, ich glaube, dass die beiden estnischen (Spitzen-)Mannschaften mit dieser Leistung gegen deutsche Teams wie den SV Rödinghausen oder den SV Lippstadt 08 arge Probleme besessen hätten!

Die Gastgeber des Rekordmeisters FC Flora traten übrigens mit einer komplett einheimischen Mannschaft an…getreu dem Motto „Elf Esten sollt ihr sein“…darunter drei Spieler, die für die estnische Nationalmannschaft beim Debakel gegen Deutschland auf dem Platz standen!

Der Gegner aus Nõmme hatte da ein wenig mehr Internationalität zu bieten. In der Startelf standen ein Franzose, ein Italiener und natürlich auch ein Brasilaner!

Und genau der sorgte an diesem Tag für den Unterschied…der 29jährige Ellinton Antonio Costa Morais, kurz „Liliu“, köpfte fünf Minuten vor der Pause eine schöne Flanke von Subbotin zum Tor des Tages unhaltbar ein. Der gute Liliu ist einer dieser lieb gewonnenen brasilianischen Wandervögel, die in ihrer Laufbahn so einige Flugmeilen machen. Zuvor war der Stürmer auf Malta, Zypern und Israel tätig…aber auch Belgien, Kuwait und unterklassige brasilianische Teams stehen in seiner Vita!

Zum estnischen Abschluss noch ein paar Worte zur Hauptstadt Tallinn, in die sich so ziemlich jeder interessierte “Euro-Traveller” schnell verlieben dürfte! Für eine anbahnende Liebesbeziehung muss aber eine ganz wichtige Voraussetzung beachtet werden…nur dann kommt man in Sachen Kultur, Sightseeing und Lifestyle voll auf seine Kosten!

Wie alle Städte mit See-Anschluss leidet auch Tallinn an der florierenden Kreuzfahrt-Touristik. Die Stadt mit ihren knapp 430.000 Einwohnern wird speziell in den Sommermonaten tagsüber von Kreuzfahrt-Touristen regelrecht geflutet…ich wusste teilweise gar nicht, in welchem Land ich mich gerade befinde. Entweder hörte man nur die deutsche Sprache oder hatte aufgrund der vielen asiatischen Touristen den Eindruck, in einem europäischen Vergnügungspark in Peking zu verweilen!

Deshalb muss man sein eigenes Programm ein wenig nach hinten verlegen…dann dürfte der “Tallinn”-Funke auch überspringen. Der skandinavische Sommer ist speziell vor der Sommersonnenwende recht gut mit dem Wort „Insomnia“ zu beschreiben. Diese besondere Art der Schlaflosigkeit ist auf die sogenannten „weißen Nächte“ zurückzuführen, in welchen es in Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland sowie dem angrenzenden Baltikum kaum dunkel wird!

Dies hat zur Folge, dass der Sommer in Skandinavien und dem Baltikum von seinen Bewohnern mit viel Lebensfreude und Geselligkeit weitaus intensiver zelebriert wird…schließlich kommt der lange dunkle Winter noch früh genug! Mit dieser positiven Lebenseinstellung sind die Kneipen und Bars trotz extrem hoher Alkoholpreise auch unterhalb der Woche bis spätabends stark frequentiert…verbunden mit einem fast mediterranen Lifestyle im sonst kühlen Norden!

Die weissen Nächte waren letztlich dafür verantwortlich, dass es in Bezug auf mein Sightseeing-Programm doch noch ein “Happy-End” gab! Schließlich will auch der letzter Kreuzfahrer zum Abendessen auf seinem Schiff sein…genau hier liegt dann die Chance für ein ruhiges Sightseeing abseits der überfüllten Stoßzeiten…und das bei Helligkeit trotz abendlicher Stunde.

Mein absoluter “Geheimtipp” für Tallinn, der bei Besuchern mit Zeitnot vermutlich nicht die erste Geige spielt, ist das estnische Seefahrtmuseum etwas außerhalb der historischen Altstadt…ein absolut beeindruckendes maritimes Museum mit vielen interessanten Exponaten und einem unfassbaren Gebäude, welches früher als Flugzeug-Hangar genutzt wurde.

Nach dem Spiel im estnischen Tallinn und einer weiteren nahezu schlaflosen Nacht ging die Reise mit der Tallink-Eesti-Fähre über die Ostsee in Richtung Finnland…die gut 2stündige Überfahrt ist auf den recht luxuriösen Fähren gerade bei gutem Wetter ein absolutes Erlebnis!

In der finnischen Hauptstadt Helsinki stand ein weiteres Derby auf dem Programm! Am 11. Spieltag der Veikkausliiga 2019 traf der finnische Rekordmeister HJK Helsinki auf den Club aus der Nachbarstadt Espoo, den FC Honka!

Bei dieser Spielpaarung handelt es sich im Vergleich zum Duell der beiden Helsinki-Clubs HJK und Helsingfors IFK zwar nicht um ein hasserfülltes Match mit Tradition…aufgrund der Nähe und Größe beider Städte aber dennoch um ein kleines Derby! Schließlich sind Helsinki und Espoo die beiden größten finnischen Städte und bilden zusammen mit der „Airport“-Stadt Vantaa die Metropolregion Helsinki!

Die finnische Veikkausliiga wird wie viele skandinavische Geschwister während des hellen und warmen Sommers im „Kalenderjahr“ ausgespielt. Die zwölf Vereine treten von April bis September recht zügig dreimal gegeneinander an und spielen den Meister für die ein knappes Jahr später stattfindende Champions League-Qualifikation aus! 

Obwohl die physisch starke finnische Nationalmannschaft gefühlsmäßig immer schwer zu bespielen ist und sich erstmalig für die kommende Europameisterschaft 2020 qualifizieren konnte, ist der finnische Ligafussball in der UEFA-5-Jahreswertung nur auf dem 44. Rang zu finden und damit eher zweit- wenn nicht drittklassig! Spieler mit internationalem Niveau wie Teemu Pukki, Lukas Hradecky oder Weltstar Jari Litmanen entschieden sich früh für eine Karriere in den großen europäischen Ligen!

Bevor es in der 10.000-Zuschauer fassenden Telia 5G-Areena losging, durfte ich aber erstmal etwas über finnische Stadionregeln beim Alkoholverzehr lernen! Im Bereich der Haupttribüne gab es eine Terrasse mit Tischen und Stühlen, die ich gerade vor dem Spiel äußerst gemütlich fand und welche beste Sicht auf das Spielfeld offerierte. Nach Anpfiff des Spiels verblieben viele Fans trotz Sitzplatzkarte stehend auf dieser Terrasse und verfolgten das Match mit einem 9-Euro-Bier in der Hand! Grund war das bestehende Alkoholverbot auf den Sitzplätzen, welches auf der Terrasse offensichtlich keinen Bestand hatte!

Vor der guten Kulisse von 7822 Zuschauern boten beide Teams auf dem Kunstrasenplatz eine sehr ansprechende Leistung! Das Niveau war im Vergleich zur Partie in Estland deutlich höher und dürfte gehobenen deutschen Drittliga-Ansprüchen genügt haben!

Beide Teams wirkten physisch stark und boten gerade im Defensivverbund eine taktisch reife Leistung…diese Grundordnung hatte aber leider zur Folge, dass ein schnelles Umschaltspiel nur selten zu beobachten war und wenige zwingende Torchancen herausgespielt wurden!

Genau deshalb war es eigentlich klar, dass der entscheidende Treffer nur durch eine Standardsituation fallen kann.

So kam es dann auch…in der 79. Minute entschied der nicht immer sichere Schiedsrichter Järvinen auf Freistoß für den FC Honka! Der ehemalige Ferencvárosi-Akteur Juha Hakola ließ sich die Chance aus 18 Metern nicht nehmen und zirkelte den Ball ins Tor…keine Chance für HJK-Keeper Rudakov!

Großer Jubel im gelb-schwarzen Espoo-Lager…schließlich gewinnt man nicht immer beim Meister!

Nach Spielende gab es dann noch eine recht unsinnige Siegerehrung, bei welcher man merkt, dass Finnland letztlich ein Eishockeyland ist! Beide Mannschaften stellten sich nach dem Spiel zur Wahl des besten Spielers auf. Während Honka-Akteur Hakola unter dem Jubel seiner Kollegen sicher noch Spaß hatte, konnte HJK-Spieler Faith Obilor dem Schauspiel und der Ehrung zum zweitbesten Spieler so gut wie nichts abgewinnen! Wenigstens gab es als Trostpflaster die Geschenktüte eines Werbepartners! Andere Länder…andere Sitten!

Für mich gab es in Helsinki zum Abschluss natürlich auch noch ein Mindestmaß an Sightseeing. Wie bereits aus Tallinn gewohnt, konnte man das durchaus in den späten Abend verlegen, da die Straßen dann weitaus leerer waren und Fotos vom Dom zu Helsinki oder dem Market Square in der Abenddämmerung gegen 2 Uhr nachts viel interessanter wirken!

Aber auch in Helsinki gab es für mich ein Ziel, das vielleicht nicht den ultimativen Geheimtipp darstellt, gerade vormittags aber nicht überlaufen war und somit richtig idyllisch wirkte. Die ehemalige Seefestung Suomenlinna ist nur mittels Fähre zu erreichen und bietet eine Art Zeitreise in die finnische Geschichte mit alten traditionellen Gebäuden und einer eindrucksvollen Festungsanlage an! Auch das muss man gesehen haben!

In meinem Instagram-Account https://www.instagram.com/Henning_loves_football/ gibt es übrigens wie gewohnt noch viele zusätzliche Eindrücke aus Estland und Finnland mit bewegten Bildern in der Story! Schaut mal rein!

STAY TUNED…wir sehen uns!

  • Tallinn