Wer seinen Urlaub schon einmal an der spanischen Mittelmeerküste verbracht hat, wird speziell in Touristen-Hochburgen wie Alicante, Benidorm oder dem luxuriösen Badeort Marbella den sehr hohen Anteil an britischen Kurz- und Langzeitbewohnern festgestellt haben. Allein von Januar bis September 2025 reisten neuesten Erkenntnissen zu Folge über 15 Millionen Urlauber aus Großbritannien in den spanischen Teil der iberischen Halbinsel. Mit dieser Rekordzahl setzte sich das Vereinigte Königreich unangefochten an die Spitze des spanischen Besucher-Rankings und verwies seine europäischen Nachbarn Deutschland und Frankreich relativ eindeutig auf die Plätze.

Auch in der Gegenrichtung ist mittlerweile festzustellen, dass immer mehr spanische Urlauber von der multi-kulturellen Hauptstadt London und dem historischen Erbe Großbritanniens angezogen werden. Hier rangiert der spanische Globetrotter mit den zuvor genannten franko-germanischen Konkurrenten in den Top 5 der Rangfolge aller ausländischen Besucher der britischen Insel und muss sich letztlich nur den übermächtigen Besucherzahlen aus den USA geschlagen geben.

Mit den durchaus beachtlichen Tourismus-Einnahmen im zweistelligen Milliardenbereich müsste das spanisch-britische Verhältnis gerade auf der iberischen Seite mehr als nur intakt sein. Auch wenn beide Staaten bei fast jeder Gelegenheit gebetsmühlenartig betonen, wie eng und freundschaftlich diese europäische Partnerschaft ist, kommt es immer wieder zu bemerkenswerten politischen Spannungen.

Grund dafür ist ein gewaltsamer Konflikt vor über 300 Jahren, welcher aus spanischer Sicht auch in der weitestgehend zivilisierten Gegenwart die eigenen Territorialansprüche stark tangiert und die äußerst emotionale iberische Seele gelegentlich hochkochen lässt. Zuletzt sorgten die spanischen Fußball-Nationalspieler Alvaro Morata und Rodri im Jahr 2024 in dieser Thematik für Aufsehen, als sie nach dem gewonnenen EM-Endspiel gegen England während der Siegesfeier öffentlichkeitswirksam „Gibraltar ist Spanien“ skandierten. Als Folge wurden beide Spieler durch die UEFA wegen beleidigender bzw. provokanter Äußerungen für ein Spiel gesperrt.

Um diesen komplizierten Konflikt in allen Einzelheiten fehlerfrei erklären zu können, sollte man bestenfalls mehrere Semester Geschichte mit Schwerpunkt „Monarchie“ studiert haben. Aber auch ohne das ganz große Detailwissen ist der Konflikt zumindest ansatzweise zu erklären.

Alles begann mit dem Tod des spanischen Königs Carlos II. zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Da der körperlich und geistig behinderte Monarch mit dem Spitznamen „Der Verhexte“ keine geeigneten Nachkommen besaß, brach nach seinem Tod der sogenannte Erbfolgekrieg um die Nachfolgeregelung im spanischen Königshaus aus (1701 bis 1714). In dem Konflikt standen sich das französische Königshaus mit dem Adelsgeschlecht der Bourbonen und eine aus Großbritannien, Österreich und den Niederlanden bestehende Koalition gegenüber. Im Rahmen der kriegerischen Auseinandersetzungen nahm die von Großbritannien angeführte Allianz im Jahr 1704 die Festung auf der spanischen Halbinsel Gibraltar ein und besetzte diese trotz anschließender spanischer Belagerung dauerhaft.

Der Friedensvertrag von Utrecht leitete im Jahr 1713 das Ende des kriegerischen Konflikts ein. Neben der Anerkennung des neuen spanischen Königs Philipp V. aus dem französischen Hause Bourbon regelte der Vertrag vor allem gegenseitige Gebietsabtretungen. Hierbei mussten die Spanier zähneknirschend akzeptieren, dass die Halbinsel Gibraltar weiterhin unter britischer Herrschaft blieb.

Obwohl es in den vergangenen drei Jahrhunderten immer wieder spanische Bestrebungen zur Wiedervereinigung mit dem britischen Überseegebiet gab, ist das Verhältnis der gibraltarischen Bevölkerung zum Vereinigten Königreich nicht nur aufgrund der eindeutigen Souveränitäts-Referenden fester als je zuvor.

Auch wenn sich die mitunter impulsiv geführte Gibraltar-Diskussion zwischen Spanien und Großbritannien in den vergangenen Jahren deutlich entspannt hat, sind es die Kleinigkeiten, an denen man merkt, wie sehr die spanische Seele auch heute noch gekränkt ist.

Dementsprechend verzichtet man auf spanischer Seite bis zur Ankunft in der Grenzstadt La Linea grösstenteils auf Straßenschilder und Wegweiser nach Gibraltar. Dies verstärkt den Eindruck, dass das 6,5 Quadratkilometer große Land für die spanischen Behörden offensichtlich nur bedingt existiert. Trotz der großen Unsichtbarkeit im Straßenverkehr pendeln tagtäglich bis zu 15.000 spanische Arbeitnehmer über die gut gesicherte Grenze nach Gibraltar, da das „kleine Stück England“ in der vergleichsweise strukturschwachen spanischen Region „Campo de Gibraltar“ eine hohe Wirtschaftskraft aufweist. Auch bei Anmietung eines Leihwagens tun die spanischen Behörden alles menschenmögliche, um einen Grenzübertritt mit dem Fahrzeug zu verhindern. Während eine kurzfristige Exkursion über die portugiesische oder französische Grenze zumeist ohne Zusatzversicherung kostenfrei möglich ist, nimmt so ziemlich jeder arrivierte Autovermieter auf spanischem Boden für einen Ausflug nach Gibraltar bis zu 150 Euro Extraprämie, um das Fahrzeug perfekt gegen Schäden abzusichern. Ein Schelm, wer böses dabei denkt!

Während die spanischen Restriktionen und Regelungen in Bezug auf Gibraltar im täglichen Leben maximal zu einem belustigten Kopfschütteln führen, entwickelte sich auf sportpolitischer Ebene ein recht einseitig geführter „Abrechnungs-Krieg“ der spanischen Seite. Dies bezieht sich zunächst auf internationale Spiele unter dem Dach des europäischen Fußballverbandes UEFA, bei welchen die Nationalmannschaften von Gibraltar und Spanien in Pflichtspielen wie der Europa- und Weltmeisterschafts-Qualifiaktion nicht aufeinandertreffen können. Eine durchaus überraschende Regelung, da der spanisch-gibraltarische Konflikt völlig gewaltfrei verläuft und definitiv nicht mit den europäischen Krisen der Gegenwart vergleichbar ist, durch welche Spiele wie Ukraine gegen Russland oder Kosovo gegen Serbien in jedem Fall ausgeschlossen werden.

Zudem zeigt sich Spanien als große Sportnation weiterhin äußerst destruktiv bei der Entwicklung gemeinschaftlicher Synergien in der Grenzregion, da man die Nutzung von Stadien und Sporteinrichtungen durch gibraltarische Clubs weitestgehend unterbindet. Daher musste die Nationalmannschaft Gibraltars ihre internationalen Heimspiele lange Zeit auf neutralem Boden im knapp 400 Kilometer entfernten Faro (Portugal) ausrichten, da das in die Jahre gekommene Victoria-Stadion an der Start- und Landebahn des Flughafens Gibraltar zunächst nicht den Anforderungen von UEFA und FIFA entsprach.

Glücklicherweise hatte die UEFA irgendwann ein Einsehen und gab das liebenswerte „Victoria Stadium“ für ausgewählte internationale Spiele der GIB-Mannschaften auf Club- und Nationalmannschaftsebene frei. Deshalb stand der gibraltarische Fußball in Gestalt von Rekordmeister Lincoln Red Imps FC zu Beginn der laufenden Saison erneut vor einem riesigen Organisationsproblem, da das Victoria Stadium mittlerweile geschlossen wurde und vor dem kompletten Abriss steht.

Für die anstehenden Heimspiele in der Ligaphase der UEFA Conference League wäre neben dem sehr komplizierten Ausweichspielort in Faro ein Umzug in das nur zwei Kilometer entfernte Stadion im spanischen La Linea die einfachste und vermutlich auch kostenneutralste Alternative gewesen. Die nagelneue Arena des örtlichen Fünftligisten besitzt ein Fassungsvermögen von knapp 12.000 Zuschauern und steht mehr oder minder direkt neben dem Affenfelsen.

Ein Blick vom gibraltarischen Affenfelsen auf die Grenze und das städtische Stadion von La Linea (Spanien)

Da eine Nutzung aus den bereits angesprochenen politischen Gründen nicht möglich war, musste man ein Stadion ertüchtigen, das zunächst gar nicht für größere Fußballspiele gedacht und den Rugby-Spielern vorbehalten war.

Das 2019 eröffnete Europa Point Stadion an der Südspitze liegt direkt an der Seestraße von Gibraltar und besitzt ein theoretisches Fassungsvermögen von bis zu 2.500 Zuschauern. Um es für die Spiele im drittwichtigsten europäischen Clubwettbewerb zu ertüchtigen, mussten die Verantwortlichen der Imps erhebliche Anstrengungen zur Verbesserung der Stadion-Infrastruktur unternehmen. Am Ende war es ein Wettlauf mit der Zeit, den die Lincoln Red Imps gewinnen konnten.

Am 3. Spieltag der Ligaphase in der UEFA Conference League traf die Mannschaft von Trainer Juan Bezares auf den kroatischen Double-Gewinner HNK Rijeka. Im mit 1.194 Zuschauern komplett ausverkauften Stadion entwickelte sich ein wirklich mitreissendes Spiel, in welchem der große Favorit vom Balkan so seine Problemchen besaß.

Dies lag in erster Linie an den Imps, die nicht nur aufopferungsvoll kämpften, sondern auch richtig gut spielten. Deshalb war es zur Pause umso bitterer, dass die Gäste aus Kroatien aus dem Nichts in Führung ginngen. Torschütze war Toni Fruk (41.), der mit einem Marktwert von 9 Millionen Euro viermal so viel wert ist, wie die gesamte Mannschaft des Gegners.

In der 2. Hälfte zeigte sich, dass der Fußball -Gott sei Dank- nicht mit Marktwerten entschieden wird. Die Imps machten da weiter wo sie aufgehört hatten und erzielten durch Stürmer Kike Gomez in der 83. Spielminute den längst überfälligen Treffer zum 1:1 (0:1)-Endstand. Ein insgesamt schmeichelhaftes Ergebnis für den Favoriten aus Kroatien, da Lincolns Mandi zuvor sogar noch einen Elfmeter verschoss (69.).

Auch wenn die Lincoln Red Imps in der Ligaphase aufgrund ihrer Auswärtsschwäche dramatisch scheiterten, war es eine wundervolle Saison im Europapokal. Neben dem beschriebenen Unentschieden gegen HNK Rijeka besiegte man als krasser Außenseiter den polnischen Meister Lech Posen sowie den tschechischen Pokalsieger Sigma Olmütz. Am Ende verlor man keines der drei Heimspiele, holte unerwartete sieben Punkte und konnte arrivierte Vereine wie Dynamo Kiew, Slovan Bratislava oder Rapid Wien in der Abschluss-Tabelle hinter sich lassen!

Am schönsten war allerdings der Entwicklungsprozess des gesamten Teams, das auf dem Papier fast allen Gegnern unterlegen schien, sich in den Wettbewerb förmlich reinkämpfte und speziell in der Festung „Europa Point Stadium“ spielerisch zu überzeugen wusste! Ich möchte mich für die Einblicke in das Innenleben des Clubs und die Aufnahme in die Lincoln-Familie ganz herzlich bedanken! Es war mir eine Ehre! Jetzt steht erneut der heimische Meistertitel im Fokus, damit man in der nächsten Saison wieder europäische Nächte am „Rock“ erleben kann!

Das war ein weiterer Blog aus meinem Lieblingsort Gibraltar, diesmal ein wenig länger, garantiert aber ohne künstliche Intelligenz. Natürlich findet Ihr in meinen Social-Media-Netzwerken bei Instagram und Facebook wie gewohnt bewegte Story-Bilder und weitere Eindrücke aus dem Stadion sowie dem Spielort!

STAY TUNED…BLEIBT AUF EMPFANG!