Die Flüsse „Tyne“ und „Wear“ sind oberflächlich betrachtet lediglich zwei gut 100 Kilometer lange Ströme, welche im rauen Nordosten Englands ganz am Ende in die Nordsee münden und abseits der bekannteren Rivalen von „Weichsel, Wolga oder Themse“ bei jedem Mitspieler des beliebten Quizspiels „Stadt, Land, Fluss“ ein durchaus ungläubiges Erstaunen sowie zustimmende Anerkennung hervorrufen!

Bei näherem Hinschauen steckt hinter den vergleichsweise kurzen Flüssen aber noch viel mehr. Neben der Namensgebung für die flächenmäßig und einwohnertechnisch kleinste Metropolregion Englands steht der Begriff „Tyne & Wear“ in erster Linie für das vielleicht spannendste Fußballderby des Landes, in welchem mit Newcastle United und Sunderland AFC die beiden grössten Clubs der Gegend ihre Klingen kreuzen.

In der Saison 2013/2014 durfte ich dieses emotional überkochende Fußballspiel zwischen den Rivalen von „Tyne“ (Newcastle) und „Wear“ (Sunderland) live verfolgen und muss rückblickend feststellen, dass in diesem wunderschönen Landstrich eine wirklich besondere Rivalität und Liebe zum eigenen Verein vorhanden ist. Auch wenn die These „Fußball ist Religion“ immer ein wenig abgedroschen klingt, verbinden sich im englischen Nordosten tatsächlich Hoffnung, Glaube und Liebe mit dem Fußball…übrigens hautnah mitzuerleben in der TV-Dokumentation „Sunderland till i die“, auf deutsch „Sunderland bis ich sterbe“.

Das regionale Zugehörigkeitsgefühl und die damit verbundene gegenseitige Ablehnung kann man an einem Spieltag vermutlich am Besten in der „Tyne and Wear Metro“ nachvollziehen, welche die beiden Städte als eine Art S-Bahn alle paar Minuten miteinander verbindet.

Als die Mannschaft von Newcastle United am 13. Spieltag der Premier League auf den Chelsea Football Club traf, startete auch ich meine kurze Reise mit der Metro in Richtung der Tyne-Metropole. Bei Einstieg am Bahnhof Sunderland deutete überraschenderweise so gar nichts auf ein großes Fußballspiel hin, welches wenig später vor über 52.000 Zuschauern im nur knapp 20 km entfernten St. James-Park von Newcastle stattfinden sollte. Während man in den großen Ballungsräumen Deutschlands an einem Spieltag immer mal wieder Trikots des verhassten Rivalen in seiner „Hood“ sieht, gab es in Sunderland knapp 1 1/2 Stunden vor Spielbeginn überhaupt keine Fußballfans mit NUFC-Schal oder schwarz-weissen Trikots. Wenn in dieser Minute wirklich Newcastle-Fans in der Metro anwesend waren, haben sie sich wirklich gut verkleidet! Aufgrund der geringen Auslastung der Metro hatte ich in der Mitte des Wagons sogar einen eigenen „Vierer“-Sitz für mich ganz allein, ein Umstand mit dem ich an einem zuschauerintensiven Spieltag -in der „Crunchtime“ der Anreise- nicht unbedingt rechnete.

Erst nach Verlassen des Stadtgebietes von Sunderland und der Ankunft im „neutralen (Zwischen-)Land“ stiegen die ersten erkennbaren NUFC-Fans mit ihren Fan-Devotionalien zu. Urplötzlich war die Metro rappelvoll und ich hatte tatsächlich ein ernsthaftes Problem. Ich wollte diesmal nämlich gar nicht zum Premier League-Match nach Newcastle. Dementsprechend schauten mich viele amüsierte und genervte Gesichter an, als ich kurz vor Erreichen des Stadtgebiets von Newcastle als einziger Fahrgast aufstand und die Metro verlassen wollte. Auch wenn der folgende Aussteigevorgang nach einem nett gemeinten „All the best“ meines Sitznachbarn einem Spießrutenlauf glich und in der Kürze der Zeit wirklich nicht einfach war, sollte es schlussendlich mit ein wenig Gedränge tatsächlich gelingen!

Nun stand ich also als einziger aussteigender Fahrgast auf dem Bahnsteig der Metro-Station „Gateshead Stadium“ und möchte heute einen Club vorstellen, welcher in der „Tyne & Wear“-Region schon aufgrund von Spielklasse und seiner kurzen Historie klar im Schatten der großen Vereine aus Newcastle und Sunderland steht.

Der Gateshead Football Club aus der gleichnamigen 120.000-Einwohner-Gemeinde südlich des Tyne-Ufers wurde erst im Jahr 1977 gegründet und konnte noch nie den prestigeträchtigen Aufstieg in die „Football League“, also die ersten vier Profi-Ligen des englischen Fußballsystems, realisieren. In der laufenden Saison spielt die Mannschaft von Interims-Trainer Rob Elliott in der fünftklassigen „Vanarama National League“, welche als höchste englische Amateurklasse gilt und am ehesten mit einer deutschen Regionalliga vergleichbar ist. Auch wenn alle Ligen unterhalb des Profifussballs in England immer etwas despektierlich als „Non-League-Football“ benannt werden, wird auch in der National League bezahlter und leistungsorientierter Fußball mit (semi-)professionellen Akteuren gespielt.

Der Club trägt seine Spiele im bereits angesprochenen „Gateshead International Stadium“ aus, welches ein Fassungsvermögen von 11.800 Zuschauern besitzt und ausnahmsweise mal nicht eines dieser typisch englischen Stadien mit Tradition und der unbeschreiblichen Nähe zum Spielfeld darstellt. Das Stadion wurde nach der Eröffnung im Jahr 1955 in der jüngeren Vergangenheit zu einem modernen Leichtathletikstadion umgebaut, in welchem Fußballverein sowie der örtliche Rugbyclub eher als eine Art Untermieter fungieren.

Am 22. Spieltag der Vanarama National League 2023/2024 traf der Gateshead FC auf die Mannschaft des Southend United Football Club. Trotz der großen Entfernung von gut 400 Kilometern wurde der Gast aus der Stadt Southend-on-Sea von über 300 Fans in den Nordosten England begleitet. Mit Sicherheit keine Selbstverständlichkeit in der fünften englischen Liga, beim Blick auf die Geschichte des Clubs aber umso verständlicher.

Der im Jahr 1906 nahe der Themse-Mündung gegründete Club verbrachte unglaubliche 101 Jahre in den ersten vier Ligen des englischen Profifussballs, bevor man 2021 in den Amateurbereich abstieg und seitdem mit einem großen Schuldenberg von 2,5 Millionen Pfund zu kämpfen hat. Aufgrund der finanziellen Probleme muss sich die Mannschaft von Southend United in der laufenden Saison zudem mit einem Punktabzug von 10 Punkten herumschlagen. Auch wenn die zu befürchtende Auflösung des Clubs vor dem High Court im Oktober noch abgewendet werden konnte, steht der Club vor einer ungewissen Zukunft.

Trotz des Punktabzuges spielt die Mannschaft in der Gegenwart eine ordentliche Runde und konnte sich in dieser engen Liga mit 24 Mannschaften zumindest vorläufig aus dem tiefsten Tabellenkeller verabschieden. Wenn der Punktabzug gar nicht wäre, hätte man das Duell zwischen dem Fünften aus Gateshead und Southend sogar als Spitzenspiel um die Aufstiegs-Play-Offs deklarieren können.

Nach Anpfiff der Begegnung von Schiedsrichter James Westgate entwickelte sich bei kühlen Temperaturen um den Gefrierpunkt ein interessantes Spiel, welches zumeist die Gastgeber in der Offensive sah. Folgerichtig gingen die Schwarz-Weißen des GFC vor insgesamt 1.273 Zuschauern durch Wearne (14.) früh in Führung. Nach dem üblichen Bovril-Aufwärm-Getränk in der Halbzeit änderte sich die Chancenverteilung auch in der 2. Hälfte nur geringfügig. Da die Heimelf den bekannten Deckel allerdings nicht drauf machte, ließ sich Southend-Stürmer Cardwell nach 75 Minuten nicht lange bitten und belohnte seine mitgereisten Fans für ihre Treue und einen ganzen Tag auf der Autobahn. Ein bitteres 1:1 (1:0)-Unentschieden für die Gastgeber, welches am Ende dann aber doch irgendwie nicht unverdient war, da Southend United kämpferisch wirklich alles gab.

Obwohl ich als Erinnerung nur selten ein Trikot kaufe und oftmals einen Vereinsschal bevorzuge, musste ich an diesem Tag doch zugreifen. Der schwarz-weisse (Heim-)Dress von Gateshead FC sagte mir nicht nur vom Design her zu, sondern offenbarte mit dem heute seltenen Shirt-Hersteller „Patrick“ eine Erinnerung an die Bochumer Bundesligazeit mit Spielern wie Jörg Schwanke und Dimitrios Moutas. Zudem besitzt das Wappen des Gateshead FC eine Sehenswürdigkeit des englischen Nordostens, die man einfach besuchen muss und für mich persönlich einen echten Lieblingsort darstellt. Der „Engel des Nordens“ ist eine rostbraune Stahlskulptur, die an die industrielle Vergangenheit der Region erinnern soll. Das 1998 von Antony Gormley kreierte Kunstwerk hat eine Höhe von 20 Metern und eine unglaubliche Flügelspannweite von 54 Metern. Damit ist die Skulptur breiter, als die New-Yorker-Freiheitsstatue hoch ist.

Wer übrigens auch einmal das große Tyne & Wear-Derby zwischen Sunderland AFC und Newcastle United sehen möchte, kriegt im Januar eine neue Chance. Obwohl beide Mannschaften mittlerweile in unterschiedlichen sportlichen und finanziellen Ligen spielen, meinte es die Los-Fee im englischen FA Cup sehr gut.

In meinen Social-Media-Accounts bei Instagram und Facebook findet Ihr wie gewohnt weitere Fotos aus Gateshead. Schaut doch einfach mal rein!

STAY TUNED…BLEIBT AUF EMPFANG!