Zu Beginn des 18. Jahrhunderts geriet der schwedische Geograph Philipp Johann von Strahlenberg während des großen nordischen Krieges in russische Gefangenschaft. Die anschließende Verbannung ins ungeliebte Exil der westsibirischen Stadt Tobolsk nutzte der Wissenschaftler für umfangreiche Forschungen zur genauen Definition der Grenze zwischen Europa und Asien. 

Schlussendlich entstand mit seiner Expertise eine „eurasische“ Grenzlinie, die in der Gegenwart weiterhin Anerkennung findet und nach dem Zerfall des sowjetischen Staatenbundes zu großen Teilen durch das Hoheitsgebiet der Russischen Föderation verläuft. 

Auch die ehemalige Sowjetrepublik Kasachstan profitierte 272 Jahre nach Veröffentlichung des Strahlenbergschen Werkes von der Grenzfestlegung entlang des Ural-Gebirges! 

Nach der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1991 führte das neuntgrösste Land der Welt wie die vielen anderen ehemaligen Mitglieder des sowjetischen Staatenbundes eine eigene Fußball-Liga ein. Obwohl die junge Republik aufgrund ihrer sowjetischen Vergangenheit das Angebot erhielt, ins europäische Fußballsystem einzutreten, entschied man sich gemeinsam mit den zentralasiatischen Konkurrenten zunächst für eine Teilnahme an den Wettbewerben des asiatischen Fußballverbandes AFC.

Zum Jahrtausendwechsel erfolgte eine komplette Neuorganisation des kasachischen Fußballs. Neben der Umstrukturierung des nationalen Fußballverbandes sollte vor allem das sportliche Niveau in der heimischen Liga und der Nationalmannschaft erhöht werden. Hierzu bemühten sich die Verantwortlichen um einen Wechsel in das europäische Fußballsystem der UEFA, um sich dauerhaft mit stärkeren Gegnern messen zu können. Da ein ganz kleiner Teil im Westen Kasachstans nach der Theorie Strahlenbergs zum europäischen Kontinent gehört, wurde die junge Republik im Jahr 2002 ein vollwertiges Mitglied der europäischen Fußballfamilie. Fortan trafen die kasachischen Teilnehmer in den kontinentalen Pokalwettbewerben nicht mehr auf Persepolis Teheran, Nisa Asgabat oder Jubilo Iwata sondern auf Real Madrid, Chelsea oder Dinamo Zagreb. 

Obwohl Europa im Vergleich zum asiatischen Kontinent um ein Vielfaches kleiner ist, erhöhten sich mit dem Verbandswechsel etwas überraschend die Reisestrapazen der kasachischen Clubs. Im Gegensatz zum asiatischen Champions-League-Format, in dem die Ligaphase einigermaßen lokal organisiert ist, gibts in der Qualifikation und Ligaphase des europäischen Pendants keine lokalen Beschränkungen! Dementsprechend kann man sich gut vorstellen, dass eine Reise auf die portugiesischen Azoren für einen kasachischen Club weitaus anstrengender sein kann, als ein Nachbarschaftsduell im kirgisischen Bishkek, dem tadschikischen Dushanbe oder der usbekischen Hauptstadt Taschkent.

Die kasachische „Premjer-Liga“ wird vom nationalen Fußballverband KFF organisiert und mittlerweile seit 1992 im sogenannten Kalenderjahrmodus (Frühling bis Herbst) ausgetragen. Dies macht durchaus Sinn, da sich die örtlichen Wetterverhältnisse speziell im Winter in Spähren bewegen, die man sich in Westeuropa nur schwer vorstellen kann. 

Für das erste Spiel ging es in die kasachische Hauptstadt Astana. Die Metropole ist mit ihren über 1,5 Millionen Einwohnern das wirtschaftliche Zentrum des Landes und gilt mit Temperaturen von bis zu minus 40 Grad Celsius nach der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator als zweitkälteste Hauptstadt der Welt.

Glücklicherweise treten diese irrwitzigen Temperaturen aber erst in den dunklen Wintermonaten auf. Trotzdem durfte ich nach meiner Ankunft Ende September erleben, wie facettenreich das Wetter im Norden Kasachstans sein kann, als die Temperaturen über Nacht von sonnigen 23 Grad auf schattige 3 Grad Celsius fielen. 

Astana ist eine vergleichsweise junge Hauptstadt. Obwohl die Stadt bereits im Jahr 1830 als russische Festung gegründet wurde, erfolgte die Metamorphose zur hochmodernen Metropole erst, als Kasachstans Staatsgründer Nursultan Nasarbajew die Kapitale der noch jungen Republik aus Almaty nach Astana verlegte. Da die Stadt zu diesem Zeitpunkt noch Aqmola hieß, benötigte man jetzt noch einen standesgemäßen und wohlklingenden Namen für das neue Zentrum Kasachstans. Am Ende einigte man sich auf den Namen „Astana“, was auf kasachisch einfach nur „Hauptstadt“ bedeutet!

Die Entscheidung Nasarbajews im Jahr 1997 machte aus einer Provinzstadt in der kasachischen Steppe in kürzester Zeit eine spektakuläre Millionenstadt, die mir mit ihren futuristischen Bauwerken gerade abends den Eindruck vermittelte, als Hauptdarsteller durch einen Science-Fiction-Film zu wandern. Dabei erscheint die städtebauliche Entwicklung Astanas noch lange nicht abgeschlossen. Westlich des durch die Stadt verlaufenden Flusses „Ischim“ findet man überall emsige Bauarbeiten, mit welchen weiterer moderner Wohnraum geschaffen wird. Deshalb ist es gut vorstellbar, dass die räumliche Ausdehnung dieser beeindruckenden City noch lange nicht abgeschlossen ist.

Um ansatzweise zu verstehen, wie hoch die Lebensqualität in Astana ist, reicht ein oberflächlicher Blick auf die vorhandenen Sport- und Kultureinrichtungen. Westlich des 92 Hektar großen Botanischen Gartens befinden sich mit der Astana Arena und der kleineren Barys Arena zwei Sportstadien der Extraklasse.

Die Astana Arena wurde im Jahr 2009 erbaut und bietet 30.000 Zuschauern einen komfortablen Sitzplatz. Um auch im harten Winter den Ball rollen zu lassen, verfügt das Stadion über ein gläsernes Dach, das im Sommer geöffnet werden kann. Neben der kasachischen Nationalmannschaft wird die Arena im Liga-Alltag durch die beiden Lokalmatadoren FC Astana und FK Zhenis bespielt. 

Nur wenige Tage nach dem Konzert der Backstreet Boys stand eine Mannschaft im grössten Stadion Kasachstans gehörig unter Druck! Hierbei handelte es sich um den Gast des FK Turan, welcher aufgrund der Ergebnisse der Konkurrenz kurz vor dem Spiel auf den letzten Tabellenplatz der „Kazakhstan Premier League“ abrutschte. Dementsprechend musste drei Spieltage vor Saisonende unbedingt ein Auswärtssieg bei Astana-Club FK Zhenis her, um sich im Abstiegskampf eine verbesserte Ausgangsposition zu verschaffen. 

Nach Anpfiff von Schiedsrichter Danil Gorda musste man schnell konstatieren, dass die Gast-Mannschaft aus Türkistan dem eigenen Druck überhaupt nicht standhielt. Die schwarz-gelben Hausherren des FK Zhenis, die aufgrund ihres Platzes im Niemandsland der Tabelle ganz befreit aufspielen konnten, rollten über ihren Gegner hinweg und filetierten die Turan-Defensive wie ein Rumpsteak. 

In einem höchst unterhaltsamen Spiel führten die Gastgeber nach 42 Spielminuten mit 5:1 und konnten sich berechtigte Hoffnungen auf einen zweistelligen Kantersieg machen! Kurz vor der Halbzeit kamen die Gäste wie von Geisterhand durch einen Doppelschlag zurück und gingen doch noch mit einem überschaubaren Rückstand von nur zwei Toren in die Halbzeit. Was bitte war das für ein unfassbar geiles Spiel? Einzig die ausbaufähige Zuschauerzahl von nur 2.000 Zuschauern war ein kleiner Wermutstropfen an diesem wahnsinnigen Fußballabend. 

Leider gibt es aber auch so ein ungeschriebenes Fußballgesetz, welches besagt, dass die zweite Halbzeit nie mit der Ersten mithalten kann. Auch wenn die Mannschaft des FK Turan in der 2. Hälfte alles versuchte, musste Zhenis nur das Nötigste machen, um die Führung zu halten. Als der Widerstand des FK Turan mit zunehmender Spieldauer merklich nachliess, setzte der georgische Zhenis-Kapitän Zurab Tevzadze mit seinem Kopfballtor den Schlusspunkt (88.). Am Ende stand für die Mannschaft des ukrainischen Trainers Andriy Demchenko ein verdienter 6:3 (5:3)-Heimsieg auf der Anzeigetafel.

Mit der Niederlage war der Abstieg des FK Turan nicht mehr aufzuhalten. Obwohl das kasachische Liga-Oberhaus in der kommenden Saison von 14 auf 16 Vereine aufgestockt wird, musste die Truppe aus Türkistan am Saisonende als Tabellenletzter den bitteren Gang in die Zweitklassigkeit antreten. Auch bei den Verantwortlichen des FK Zhenis dürfte man mit dem Saisonausgang und dem 6. Tabellenplatz nicht vollständig zufrieden sein. Obwohl der Club nach einer Insolvenz im Jahr 2015 erst seit der vergangenen Saison wieder erstklassig spielt, darf es für ein Gründungsmitglied der „Kazakhstan Premier League“ mit insgesamt drei gewonnenen Meisterschaften (2000, 2001 und 2006) auf Dauer sicher etwas mehr sein!

Der Aufenthalt in Astana war der Auftakt einer 10-tägigen Reise durch Kasachstan, einem faszinierenden und manchmal geheimnisvollen Land! In meinen Social-Media-Netzwerken bei Instagram und Facebook gibt’s bewegte Story-Bilder und weitere Eindrücke vom Spiel und dem „Sightseeing“ in Astana! Klickt Euch doch einfach mal rein, es lohnt sich!

STAY TUNED…BLEIBT AUF EMPFANG!