Bevor hochtechnisierte Länder wie China, Malaysia oder die Vereinigten Arabischen Emirate das andauernde Rennen um den höchsten Wolkenkratzer der Welt eröffneten, war die altehrwürdige Kathedrale im nordenglischen Lincoln über 200 Jahre lang das höchste Bauwerk unseres Planeten. Hier löste das beeindruckende Gotteshaus im Jahr 1311 die antiken Pyramiden von Gizeh ab.
Die Kathedrale ist mit einer Gesamtfläche von über 5000 Quadratmetern eine der größten Kirchen Großbritanniens und stellt in dieser speziellen Kategorie sogar die weitaus berühmtere „Westminster Abbey“ klar in den Schatten. Aufgrund der gotischen Bauweise beider Gebäude gilt die Kathedrale von Lincoln im Innen- und Außenbereich als architektonisches Double für das königliche Pendant an der Londoner Themse. Dies machte sich die Hollywood-Traumfabrik im Jahr 2006 zu Nutze, als man für den Blockbuster „Da Vinci Code-Sakrileg“ keine Drehgenehmigung in der „Westminster Abbey“ erhielt und dringend einen Ersatzort benötigte. Am Ende landete der gesamte Tross um die Hauptdarsteller Tom Hanks und Jean Reno in Lincoln, wo die „Abbey“ perfekt simuliert werden konnte.
Obwohl die Dreharbeiten ausschließlich im Inneren des Kathedrale stattfanden, verzeichnete die Stadt Lincoln in den folgenden Jahren einen deutlichen Anstieg des überregionalen (Film-)Tourismus. Da allerdings nichts vergänglicher als Hollywood-Ruhm ist, musste die Gemeinde schon wenig später Ausschau nach einem echten Wahrzeichen halten, welches nicht nur die mystische Kirchenstory abdeckte, sondern weiterhin interessierte Besucher aus Nah und Fern anlocken sollte. Hier fiel die Wahl der Stadtväter auf einen kleinen roten Kobold, der gemäß einer berühmten englischen Legende vom Teufel höchstpersönlich geschickt wurde, um den Bau der Kathedrale zu verhindern. Dementsprechend richtete der kleine Mann während der Bauphase viel Unfug an, indem er mehrere bunte Mosaikfenster zerschlug, die Geistlichen umstieß und diverse Möbel zerstörte. Um den teuflischen Assistenten zu stoppen, schickte der liebe Gott einen Engel, der den Kobold für seine Frechheit in Stein verwandelte.
Die Steinfigur gilt heutzutage als Symbol für den Sieg des Guten über das Böse und besitzt nach wie vor einen festen Platz in der Kathedrale. Wer die Figur einigermaßen scharf sehen möchte, benötigt entweder richtig gute Augen oder eine Kreditkarte. Der Giftzwerg wurde nämlich in einen steinernen Engelschor integriert, der so hoch unter dem Dach hockt, dass man ihn in diesem kolossalen und vor allem dunklen Kirchenschiff mit dem bloßen Auge eigentlich nicht erkennen kann. Dementsprechend musste sich die geschäftstüchtige Kirchenverwaltung etwas spezielles einfallen lassen. Nach Bezahlung von einem Pfund Sterling – natürlich mittels einer kontaktlosen Kreditkarte- geht ganz weit oben ein heller Scheinwerfer an, mit dessen Hilfe auch der kurzsichtigste Mensch auf dieser Welt endlich den richtigen Durchblick erhält.
In der historischen Altstadt Lincolns kommt man in keinem Souvenir-Laden an dem Kobold vorbei. Deshalb war es fast klar, wie das Vereinswappen des örtlichen Fußballclubs Lincoln City FC aussehen würde. Während viele englische Vereine auf recht traditionelle und verschnörkelte Vereinswappen mit lateinischem Mottospruch setzen, grinst auf dem Trikot von Lincoln City einfach nur das nüchterne Abbild des Koboldes!
Die (Fußball-)Kobolde -auf englisch „The Imps“- wurden im Jahr 1884 gegründet und spielten in ihrer langen Geschichte noch nie erstklassig. Seit der Umstrukturierung des englischen Fußballsystems im Jahr 1992 kamen die Imps nie über die Drittklassigkeit hinaus und mussten von 2011 bis 2017 sogar den bitteren Gang in die höchste Amateur-Liga -die fünftklassige „National League- antreten.
Aktuell spielt die Mannschaft von Trainer Michael Skubala mal wieder drittklassig und könnte am Ende der Saison den grössten Erfolg der Vereinsgeschichte klar machen, da man als Tabellenzweiter beste Aufstiegschancen in die englische zweite Liga besitzt.
Am 18. Spieltag der diesjährigen „EFL League ONE“ trafen die Imps auf das Tabellen-Schlusslicht Port Vale FC. Vor wirklich starken 8.503 Zuschauern im Stadion an der „Sincil Bank“ entwickelte sich bei strömendem Regen das klassisch englische Spiel, das zusammengefasst unter dem Motto „Hoch und Weit bringt Sicherheit“ stand. Dementsprechend kamen nur die Fußballfreunde auf ihre Kosten, für die dieser Sport aus Grätschen, harten Zweikämpfen und unbändigem Kampf besteht. Am Ende wurden die Imps ihrer Favoritenrolle gerecht und siegten Dank des sehenswerten Winkel-Schlenzers von Hackett mit dem knappsten aller Ergebnisse (33.).
Bleibt zum Abschluss noch die Frage zu klären, warum der kleine rote Kobold aus Lincoln mittlerweile auch auf der internationalen Fußballbühne sein Unwesen treibt, obwohl Lincoln City noch nie im Europapokal gespielt hat. Im Jahr 1976 gründete Charles Polson im britischen Überseegebiet Gibraltar einen Fußballverein, welcher zunächst grösstenteils aus Spielern der ehemaligen Polizei-Jugendmannschaft „Blue Batons“ bestand. Bei der Namensfindung des neugegründeten Clubs ließ sich Polson von seinem Freund Reg Brealey inspirieren, der den jungen Club in der Anfangsphase finanziell und logistisch unterstützte.
Da der ehemalige Vorsitzende des englischen Traditionsvereines Sheffield United zu diesem Zeitpunkt im englischen Lincoln lebte, war der erste Gedanke vermutlich der Beste. So entstand im knapp 2.600 Kilometer entfernten Gibraltar der gleichnamige Bruderclub von Lincoln City. Knapp fünfzig Jahre später ist der Verein vom Affenfelsen mit 28 nationalen Meisterschaften der Rekordmeister Gibraltars und startet in jeder Saison in den verschiedenen Europapokalwettbewerben. Mit der geringfügigen Namensänderung auf „Lincoln Red Imps“ im Jahr 2012, die dem Club aus Gibraltar ein Alleinstellungsmerkmal gab, ist auch der kleine Kobold wieder zum Leben erwacht und stiftet nun Unruhe in den europäischen Fußballstadien! Das nenne ich dann wirklich märchenhaft!
Selbstverständlich findet Ihr in meinen Social-Media-Netzwerken bei Instagram und Facebook wie gewohnt bewegte Story-Bilder und weitere Eindrücke aus dem Stadion sowie dem Spielort! Lincoln ist eine wirklich sehenswerte englische Stadt, die vom aggressiven Massentourismus noch nicht gefunden wurde und ganz viel Geschichte zu bieten hat. Im frisch renovierten „Lincoln Castle“, das wie die Kathedrale über der Stadt thront, ist unter anderem ein Exemplar der Magna Carta von 1215 zu besichtigen, welche als historisches Dokument die ersten Grundrechte festlegte und als wichtiger Schritt in der Entwicklung unserer Demokratie gilt!
STAY TUNED…BLEIBT AUF EMPFANG!
Auf all meinen Reisen durch die Fußballstadien dieser Welt ist Aktualität ein wichtiger Bestandteil meiner Homepage! Leider bieten manche Reiseziele nicht genug „Futter“ für einen ausführlichen Spiel- und Reisebericht oder sind wiederum so intensiv, dass ich für einen umfangreichen Blog mehr Zeit und Inspiration benötige.