Die komplex erscheinende Fünfjahreswertung der UEFA ist ein aussagekräftiger Beleg für das Leistungsniveau innerhalb der europäischen Fußball-Ligen. Mit Hilfe dieses Rankings entscheidet sich Jahr für Jahr, zu welchem Zeitpunkt ein Europapokal-Teilnehmer in den Wettbewerb einsteigen darf.

Während die zehn stärksten und erfolgreichsten Fußballnationen mit ihren Landesmeistern direkt in der neu eingeführten Ligaphase der UEFA Champions League starten dürfen, müssen sich die übrigen 43 Titel-Gewinner getreu der ewig jungen Fußballweisheit „Die Tabelle lügt nie“ durch die vorgelagerte Qualifikation kämpfen. 

Insbesondere für die Meister in der unteren Hälfte des UEFA-Rankings ist diese Qualifikation äußerst qualvoll, da man sich bis zum Erreichen der finanziell lukrativen Ligaphase durch insgesamt vier Runden mit Hin- und Rückspiel durchtanken muss. Dementsprechend kommt es fast einem Wunder gleich, wenn sich eine Mannschaft aus der ersten Qualifikationsrunde tatsächlich bis in die „Ligaphase der Fußball-Schwergewichte“ spielt. Schließlich kommen in jeder neuen Runde die sportlich höher eingeschätzten Mannschaften aus der oberen Tabellenhälfte dazu. 

Auch der FC Kairat Almaty, kasachischer Fußballmeister des Jahres 2024, musste in der 1. Qualifikationsrunde beginnen und hatte bis zur Aufnahme in die europäische „Beletage“ einen sehr steinigen Weg vor sich.

Nach einem erfolgreichen Auftakt gegen den slowenischen Champion Olimpija Ljubljana (1:1/2:0) war das vorzeitige Ende in der 2. Runde schon sehr nah. Nach einem 0:2 beim finnischen Meister Kuopion PS brauchte man im Rückspiel unbedingt ein kleines Wunder zum Weiterkommen, das mit einem mitreißenden 3:0-Heimsieg prompt in die Tat umgesetzt wurde. In der 3. Runde kämpfte man sich gegen den stark favorisierten slowakischen Serienmeister Slovan Bratislava bis ins Elfmeterschießen. Hier verfehlte Slovan-Akteur Barseghyan beim letzten Elfer das Tor und ermöglichte dem FC Kairat das unerwartete Weiterkommen in die entscheidende Play-Off-Runde zur Ligaphase der Königsklasse.

Im großen Showdown wartete mit dem schottischen Meister Celtic FC ein nahezu übermächtiger Gegner auf den Underdog aus Kasachstan. Nach dem überraschenden 0:0-Unentschieden in Glasgow stand die Null auch im Rückspiel bei beiden Teams im Vordergrund. Dementsprechend ging es für Kairat erneut ins Elfmeterschießen, wo der erst 21-jährige Kairat-(Ersatz-)Torhüter Temirlan Anarbekov seinen ganz großen Tag hatte und drei Elfmeter der Schotten hielt.

Mit der sensationellen Qualifikation für die Ligaphase der UEFA Champions League löste der FC Kairat Almaty im ganzen Land eine riesige Euphoriewelle aus. Schließlich ist der Verein erst der zweite kasachische Vertreter, dem dieses Kunststück überhaupt gelang (nach dem FC Astana in der Gruppenphase der Saison 2015/2016 ). Die gespannte Vorfreude schnellte ins Unermessliche, als der Auslosungscomputer der UEFA die Gegner des FC Kairat in der Ligaphase offenbarte. Hier sollte es beim ersten Heimauftritt gleich zum Spiel der Spiele gegen Real Madrid -den Rekordgewinner des Wettbewerbs- kommen!

Um die tatsächliche Größe des größten Binnenlandes der Welt einmal ganz ohne die Fluggeschwindigkeit von ca. 800 km/h fühlen zu können, wählte ich für meine Reise von Astana nach Almaty den etwas altmodischen Nachtzug. Hierbei ist allerdings festzuhalten, dass sich das Wort „altmodisch“ ausschließlich auf die Reiseart und nicht den genutzten Zug der kasachischen Eisenbahngesellschaft „KTZ“ bezieht. Das hochmoderne Gerät des spanischen Herstellers Talgo ließ in Sachen Komfort überhaupt keine Wünsche offen und ist in jedem Fall ein ernsthafter Konkurrent zum Flugzeug! Man braucht halt nur etwas mehr Zeit in dieser hektischen Welt. 

Die anschließenden 1400 Kilometer Fahrt durch die sandige Steppe waren in jedem Fall ein beeindruckendes Erlebnis, bei welcher ich der kasachischen (Fußball-)Seele vor allem im mit Kairat-Fähnchen geschmückten Speisewagen etwas näher kam. Gefühlt waren nämlich alle Mitreisenden auf dem Weg zum Spiel in Almaty. Zu etwas späterer Stunde gab es aus der „Boombox“ der angeheiterten Kairat-Reisenden ein Lied, das in den kommenden Tagen immer wieder in meinen Ohren landen sollte und so untrennbar zu Almaty gehört, wie die Erde zum Mond!

Der in kasachisch eingesungene Song mit dem übersetzten Titel „Almaty, meine erste Liebe“ ist eine emotionale Liebeserklärung des aus Baikonur stammenden Superstars Toregali Toreali und hat mit seiner Melodie das Zeug zum Ohrwurm. Der durchaus streitbare Künstler gilt in Kasachstan übrigens als eine Art „Bad Boy“ und besitzt im Social-Media-Netzwerk Instagram über 4 Millionen Follower. Damit hängt er sogar den allgegenwärtigen Robbie Williams ab, kratzt ein wenig an der Follower-Zahl der us-amerikanischen Backstreet Boys und beweist einmal mehr, dass man in seiner westeuropäischen Blase nicht immer der Nabel der Welt ist!

Nach langen 16 Stunden Fahrt war das Ziel pünktlich zum Mittagessen endlich erreicht. Almaty ist mit 2,2 Millionen Einwohnern die grösste Metropole Kasachstans und im Gegensatz zur „Business-Hauptstadt“ Astana das kulturelle Herz des zentralasiatischen Landes. 

Knapp sieben Stunden vor Anpfiff der Champions League-Partie gegen Real Madrid war am Ortalyk-Stadion buchstäblich die Hölle los. Im völlig überfüllten Fanshop des FC Kairat gingen vornehmlich zwei Artikel über die Ladentheke: Der sogenannte Spieltags-Schal sowie das gelbe Kairat-Heimtrikot, das von einem bemitleidenswerten Mitarbeiter im Akkord beflockt werden musste. 

Was sich ob der Menschenmassen schon sieben Stunden vor Spielbeginn unwirklich anfühlte, war zwei Stunden vor Anpfiff der absolute Wahnsinn. Auch ohne Eintrittskarte wollte jeder Einwohner Almatys irgendwie Teil dieses historischen Fußballabends sein. Schließlich kriegt man nicht jeden Tag einen Blick auf die Fußball-Weltstars aus der spanischen Hauptstadt. Dementsprechend wurde es speziell beim vierfach abgesicherten Einlass -vorsichtig ausgedrückt- sehr hektisch und auch ein wenig unkontrolliert. 

Das 1958 eröffnete Ortalyk-Stadion des FC Kairat war mit 22.788 Zuschauern sowas von restlos ausverkauft, dass die offiziell angegebene Zuschauerzahl nur ein ungefährer Anhaltspunkt sein dürfte. Nach Anpfiff des italienischen Schiedsrichters Marco Guida besaß Kairat direkt die erste Riesenchance zur Führung. Es sollte für lange Zeit die einzig zwingende Offensivaktion der Hausherren bleiben, da der spanische Rekordmeister an diesem Abend überhaupt keine Zweifel aufkommen ließ, wer der Chef im Ring ist. Am Ende siegte die Mannschaft von Trainer Xabi Alonso durch Tore von Kylian Mbappé (25., 52., 73.), Camavinga (83.) und Brahim Diaz (90+3) recht entspannt mit 5:0 (1:0). 

Was in unseren Breitengraden in vielen Fällen für grenzenlosen Unmut bei der heimischen Anhängerschaft gesorgt hätte, war in Almaty nach Spielende ganz anders. Rund ums Stadion waren auch über eine Stunde nach Abpfiff feiernde Fans wahrnehmbar, die in unzähligen Autokorsos die eigene Mannschaft mit Stolz hochleben ließen und sich einfach dankbar für einen besonderen und nicht alltäglichen Fußballabend zeigten.

Das Duell zwischen dem FC Kairat und Real Madrid ging aufgrund der geografischen Lage Almatys übrigens als die östlichste Champions League-Partie aller Zeiten in die Geschichtsbücher der Königsklasse ein. Die sogenannte „Stadt der Äpfel“ gilt für viele chinesische Kurzurlauber als hochattraktives Ziel für einen Wochenendtrip, da die Grenze zum „Reich der Mitte“ nur gut 300 Kilometer Luftlinie von Almaty entfernt ist. Der exklusive Geografie-Rekord ist zwar nicht für die Ewigkeit, dürfte aber längere Zeit Bestand haben, da der einzig ernsthafte „Konkurrent“ Russland weiterhin von allen europäischen Fußballwettbewerben suspendiert ist.

Auch wenn Almaty nicht meine erste Liebe sein kann, hat mich diese Stadt in allen Belangen mehr als abgeholt. Almaty ist eine wundervolle und pulsierende Metropole, in der es ganz viel zu sehen und noch mehr zu entdecken gibt. Allein der abendliche (Sonnenuntergangs-)Blick vom 1130 Meter hohen Stadtberg „Koktobe“ war einfach nur atemberaubend. Von hier gibts ein tolles Panorama mit dem Lichtermeer der Stadt, den schneebedeckten Bergen des beeindruckenden Tian-Shan-Gebirges sowie dem illuminierten Fernsehturm. Der ist mit 371,5 Metern übrigens die grösste Stahlrohrkonstruktion der Welt!

Selbstverständlich gibt es in meinen Social-Media-Netzwerken bei Instagram und Facebook wie gewohnt bewegte Story-Bilder und weitere Eindrücke aus dem Stadion und der Metropole Almaty! Dazu gibts ein paar Bilder von der interessanten Nachtzugfahrt. Klickt Euch doch einfach mal rein, es lohnt sich! Aus Almaty ging es in die Wüste. Hier stand ein echtes Finale auf dem Programm…mehr dazu in Kürze!

STAY TUNED…BLEIBT AUF EMPFANG!