Das Beste sollte eigentlich immer zum Schluss kommen. Dementsprechend hing die Messlatte nach dem östlichsten Champions League-Spiel aller Zeiten besonders hoch. Trotzdem gab es kurz vor der Abreise noch dieses eine Spiel, das höchsten Ansprüchen genügte und den krönenden Abschluss meines Kasachstan-Abenteuers darstellen sollte. Bei dem außergewöhnlichen Spiel handelte es sich um das diesjährige Finale im kasachischen Fußballpokal.
Der Pokalwettbewerb des zentralasiatischen Landes kommt im Vergleich zum deutschen DFB-Pokal ganz ohne die vielen niederklassigen Amateurclubs aus, die zu Beginn jeder Saison auf der Suche nach der ganz großen Pokalüberraschung sind. Wer jetzt allerdings einen Affront gegen die fußballerische Basis der Amateure vermutet, liegt komplett falsch. In Kasachstan existiert einfach keine vergleichbare Vereinslandschaft, die genügend talentierte und gut ausgebildete Freizeit-Leistungssportler aufbieten kann, um es mit einem professionellen Verein aus den ersten beiden Ligen ernsthaft aufnehmen zu können.
Dementsprechend ist der kasachische Pokalwettbewerb weitaus schlanker als seine westeuropäischen Pendants. Los gehts bereits im März, wenn die teilnehmenden Zweit- und Drittligisten in drei Vorrunden insgesamt zwei Teilnehmer für das Pokal-Achtelfinale ausspielen. Hier steigen dann die 14 Erstligisten in den Wettbewerb ein, um gemeinsam mit den zwei verbliebenen Underdogs den Pokalsieger der ehemaligen Sowjetrepublik zu suchen!
Da die in der zweiten und dritten Liga zahlreich vertretenen Reservemannschaften selbstverständlich nicht startberechtigt waren, stellte sich das Teilnehmerfeld in der gerade beendeten Saison 2025 fast von allein auf. Letztlich nahmen elf Zweitligisten und fünf Drittligisten an der Pokal-Vorrunde teil, von welchen sich mit dem späteren Erstliga-Aufsteiger Kaspij Aqtau und dem FK Khan-Tengri zwei Zweitligisten für das Pokal-Achtelfinale qualifizierten.
Was sich nach dem wundervollen Auftakt eines Fußballmärchens anhört, endete bevor es beginnen konnte. Beide Zweitligisten mussten schon im Achtelfinale die Segel streichen. So blieb der Wettbewerb ab dem Viertelfinale eine geschlossene Gesellschaft der kasachischen Erstligisten, von denen sich mit dem FC Ordabasy Shymkent und dem FC Tobol Kostanay zwei arrivierte Clubs ins Endspiel kämpften.
Mit der feststehenden Finalpaarung konnte ich in die endgültige Feinplanung eintauchen. Im Prinzip war lediglich die Frage zu klären, wann und wo dieses Endspiel stattfinden würde? Bei einem Blick in die Statistik der bisherigen 32 Finalspiele durfte man konstatieren, dass das Endspiel um den nationalen Pokal turnusmäßig in den Metropolen Almaty oder Astana ausgetragen wurde. Nur zweimal -in den Jahren 2007 und 2017- entschied sich der kasachische Fußballverband KFF mit den Städten Taraz und Aktobe für alternative Finalorte.
Deshalb war es umso überraschender, dass der Verband für das diesjährige Finale eine Stadt auswählte, die ich ehrlich gesagt erstmal auf der Landkarte suchen musste. Hierbei handelte es sich um die südkasachische Stadt Kyzylorda. Die Hauptstadt des gleichnamigen Verwaltungsbezirkes besitzt knapp 300.000 Einwohner und thront wie eine Oase inmitten der Kies- und Sandwüste „Kyzylkum“. Die gut 200.000 Quadratkilometer große Wüste heißt übersetzt „Roter Sand“ und könnte mit ihrem Volumen unsere Nachbarländer Belgien, Österreich, Dänemark sowie die Niederlande ganz entspannt aufnehmen. Obwohl der angesprochene Verwaltungsbezirk um Kyzylorda schon allein aufgrund seiner geringen Bevölkerungsdichte alles andere als ein Touristenmagnet ist, findet man in der Wüste eine berühmte Sehenswürdigkeit.
Der weltweit grösste Weltraumbahnhof in Baikonur wurde im Jahr 1955 eröffnet und war Startplatz des ersten bemannten Fluges ins Weltall mit dem sowjetischen Kosmonauten Juri Gagarin. Auch wenn das Kosmodrom nach dem Zerfall der Sowjetunion auf kasachisches Staatsgebiet „wanderte“, ist ein Besuch des riesigen Geländes in der Gegenwart sehr schwierig. Bis zum Jahr 2050 ist es von der Republik Kasachstan an die Russische Föderation verpachtet und nur mit einer schwer zu erlangenden Genehmigung zu besichtigen.
Dass das diesjährige Pokal-Endspiel in die angesprochene Wüstenstadt vergeben wurde, ist letztlich den umfangreichen Strukturverbesserungen in der kasachischen Sportwelt zu verdanken. In Kyzylorda erhielt der heimische Erstligist FC Kaysar mit der gleichnamigen Arena eine hochmoderne Heimspielstätte, welche erst kurz vor dem Pokalfinale fertiggestellt wurde und eine standesgemäße Einweihung erfahren sollte. Das Stadion besitzt ein Fassungsvermögen von 11.000 Zuschauern und bietet nicht nur den Fußballern hervorragende Bedingungen an. Innerhalb des Stadionkomplexes befinden sich auch noch Trainingsmöglichkeiten für die Athleten der kasachischen „Nationalsportarten“ Ringen, Boxen und Gewichtheben.
Für das Pokalfinale und die gleichzeitige Stadioneinweihung hatte sich der kasachische Fußballverband KFF ein würdiges Begleitprogramm einfallen lassen. Während ich bei Künstlern wie dem Sänger Sadraddin oder dem maskierten Rap-Duo „6ellucci“ aus Unwissenheit mit den Schultern zuckte, waren die Zuschauer um mich herum förmlich aus dem Häuschen! Das musste dann doch das Angesagteste sein, was der kasachische Musikmarkt momentan zu bieten hat!
Im Anschluss an die umfangreiche Eröffnungszeremonie, welche selbstverständlich auch die kasachische Nationalhymne beinhaltete, wurde in der schicken Kaysar-Arena erstmals professioneller Fußball gespielt! Unter der Spielleitung des schweizerischen UEFA-Schiedsrichters Sven Wolfensberger war es zunächst das erwartet ausgeglichene Duell zweier kasachischer Spitzenmannschaften. In der 19. Spielminute ging der leicht favorisierte FC Tobol durch den völlig freistehenden Mittelstürmer Nikolay Signevich in Führung, der einen Freistoß aus dem linken Halbfeld eiskalt verwandelte. Mit der Führung im Rücken übernahm die Tobol-Elf nun endgültig die Spielkontrolle und konnte dreizehn Minuten später erhöhen, als Chesnokov einen Pfostenschuss des Marokkaners El Messaoudi als Abpraller nur über die Linie drücken musste!
In der 2. Halbzeit versuchte der FC Ordabasy Shymkent -immerhin kasachischer Fußballmeister 2023- noch einmal alles, um zurück ins Spiel zu kommen. Schließlich stand nicht nur der Pokalsieg auf der Kippe, sondern auch die finanziell wichtige Europapokal-Qualifikation, die man in der Liga schon längst verspielt hatte. Obwohl sich die Mannschaft aus Kasachstans drittgrösster Stadt nun viele gefährliche Aktionen erspielen konnte, brachte der FC Tobol seinen Vorsprung mit Geschick über die Zeit und holte sich zum dritten Mal in seiner Vereinshistorie den nationalen Pokal. Mit dem Pokalsieg sorgte man dafür, dass auch der Tabellen-Vierte des kasachischen Liga-Oberhauses in der nächsten Saison durch Europa reisen darf. Hierbei handelt es sich etwas überraschend um den FC Yelimay Semey, der sich im Kopf-an-Kopf-Rennen am Ende gegen den arrivierten FK Aktobe durchsetzte.
Nach der üblichen Siegerehrung mit viel Feuerwerk, noch mehr Rauch und dem Queen-Klassiker „We are the Champions“ stach ein Spieler aus der Masse der feiernden Tobol-Spieler heraus. Hierbei handelte es sich um den 35-jährigen Mannschaftskapitän Askhat Tagybergen. Der Mann mit der Rückennummer 18 ist einer der beliebtesten, bekanntesten und auch berühmtesten Profifußballer Kasachstans. Als Kapitän der Nationalmannschaft bestritt er 65 Länderspiele für sein Land. Da er zudem in Kyzylorda geboren wurde, wollte ihn an diesem besonderen Tag so ziemlich jeder Stadionbesucher herzen. Bemerkenswert ist hierbei, dass sich der sympathische Spieler mit einem Lächeln für alle Zeit nahm und geduldig den Fotowünschen nachkam. Das galt übrigens auch für den gemeinsamen Rückflug nach Astana, als er in dem Airbus A320 der kasachischen Airline Fly Arystan zu Recht gefeiert wurde.
Damit beende ich meinen vierteiligen Blog einer wirklich beeindruckenden Reise nach Kasachstan. Ich gratuliere dem FC Tobol Kostanay zum verdienten Pokalsieg und wünsche viel Glück in der Qualifikation der UEFA Conference League!
Abschließend möchte ich mich bei meinen Gastgebern Ilyas und Yerzhan bedanken, die mir die vielen Einblicke in das echte kasachische Leben und die interessante Kultur mit ihrer Unterstützung überhaupt erst ermöglicht haben! Auch aus Kyzylorda gibt es in meinen Social-Media-Netzwerken bei Instagram und Facebook wie gewohnt bewegte Story-Bilder und weitere Eindrücke aus dem Stadion sowie dem Spielort!
STAY TUNED…BLEIBT AUF EMPFANG!
Auf all meinen Reisen durch die Fußballstadien dieser Welt ist Aktualität ein wichtiger Bestandteil meiner Homepage! Leider bieten manche Reiseziele nicht genug „Futter“ für einen ausführlichen Spiel- und Reisebericht oder sind wiederum so intensiv, dass ich für einen umfangreichen Blog mehr Zeit und Inspiration benötige.