Auf meinen Reisen durch die Stadien dieser Welt versuche ich jederzeit, die gelegentlich miteinander verknüpften Themen „Fußball“ und „Politik“ weitestgehend voneinander zu trennen. Leider funktioniert diese Vorgehensweise auf unserem verrückten Erdball zunehmend seltener, da die politischen Verhältnisse in ganz vielen Ländern mittlerweile zur gesellschaftlichen Identität und Geschichte der Clubs dazugehören. Dementsprechend ist es für mich bis auf ganz wenige Ausnahmen eminent wichtig, trotz eigener Meinung politisch korrekt und vor allem neutral zu bleiben. Schließlich stehen der Sport, zwischenmenschliche Begegnungen und ein freundschaftlicher kultureller Austausch in meinem Blog an oberster Stelle!

Bei der jüngsten Stippvisite des irischen Fußballs öffnete sich mit der „Religion“ ein weiterer Themenschwerpunkt, der dem Fußball im Zusammenspiel mit der bereits angesprochenen „Politik“ nicht immer besonders gut tut. 

Ab dem Jahr 1801 war die gesamte irische Insel ein Bestandteil des eher ungeliebten Königreiches von Großbritannien. Dies änderte sich, als die paramilitärisch aufgestellte IRA (Irisch-Republikanische-Armee) mit dem von ihr begonnenen Unabhängigkeitskrieg (1919 bis 1921) eine Teilung der grünen Insel erzwang. Während im Süden die souveräne und unabhängige Republik Irland entstand, blieb der Norden Irlands ein wichtiger Bestandteil Großbritanniens. 

Obwohl sich alle Beteiligten von der kontroversen Neuordnung Irlands einen dauerhaften Frieden erhofften, entwickelte sich im „britischen“ Nordirland bedauerlicherweise ein neuer Konflikt, bei welchem Konfession und politische Ausrichtung förmlich miteinander verschmolzen. Während der überwiegende Bevölkerungsanteil der neuen Republik Irland katholischen Glaubens war, sollte in Nordirland ein protestantisch geprägtes Land aufgebaut werden. Dies hatte zur Folge, dass die im Norden verbliebene katholische Minderheit in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens, zum Beispiel bei der Arbeitssuche, stark benachteiligt wurde.   

Die anhaltenden Spannungen zwischen den pro-britischen Protestanten und den irisch-nationalen Katholiken lösten in Nordirland einen Schwelbrand aus, welcher Ende der 1960er-Jahre vollends ausbrach und zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führte. In diesem blutigen Konflikt, welcher durch diverse Waffenpausen immer mal wieder ruhte, kamen in knapp zwanzig Jahren über 3.500 Menschen zu Tode. Die gewaltgeladene Auseinandersetzung, welche grösstenteils zwischen der neu formierten IRA und britischen Sicherheitskräften ausgetragen wurde, konnte im Jahr 1998 durch das sogenannte „Karfreitagsabkommen“ endlich beendet und in eine politische Friedenslösung überführt werden. 

Glücklicherweise hat der eingeleitete Friedensprozess auch in der Gegenwart weiterhin Bestand. Trotzdem bemerkt man bei einer Fahrt durch die idyllischen Gemeinden Nordirlands noch immer die tiefen Gräben zwischen den protestantischen und katholischen Bewohnern. Speziell die pro-britischen Wohnviertel zeigen ihren Stolz auf das Vereinigte Königreich und zeichnen sich durch eine inflationäre Verwendung der britischen „Union Jacks“ oder Bildern des amtierenden Königs Charles III. aus. Auch im Fußball der britischen Inseln ist dieser politisch-religiöse Konflikt weiterhin allgegenwärtig. Als bekanntestes Beispiel gilt hier das feindschaftliche Verhältnis zwischen den schottischen Großclubs Rangers FC (pro-britisch) und Celtic FC (irisch-national). Aber auch im nordirischen Profifußball finden sich mit Rekordmeister Linfield FC und dem irisch-nationalen Cliftonville FC mindestens zwei Clubs aus der Hauptstadt Belfast, bei welchen sich die Rivalität in erster Linie aus dem Konflikt ergibt.

Die vermutlich traurigste Episode des gesamten Nordirland-Konflikts ereignete sich am 30. Januar 1972. Am sogenannten „Bloody Sunday“, welcher später sogar von der weltberühmten Rockband U2 thematisiert wurde, töteten britische Soldaten in der zweitgrössten nordirischen Stadt während eines nicht genehmigten Protestmarsches insgesamt vierzehn katholische Demonstranten. 

Allein bei der Nennung des Städtenamens zeigt sich, wie wichtig politische Neutralität für Fußball-Touristen wie mich in solch einem sensiblen Themenkomplex ist. Die Stadt besitzt wenig überraschend zwei offizielle Namen, welche man gemäß der eigenen politischen Ausrichtung anwenden kann. Während die 85.000-Einwohner-Gemeinde bei den pro-britischen Bewohnern „Londonderry/Northern Ireland“ heisst, fallen die Begriffe „London“ und „Northern“ für die irisch-national ausgerichteten Bürger logischerweise weg. Da beide Versionen im örtlichen Fremdenverkehrsbüro als Kühlschrankmagnet angeboten werden, bleibt es mein ganz persönliches Geheimnis, welche Namens-Ausführung nun auf dem heimischen Kühlgerät heftet.

Auch der im Stadtteil Bogside beheimatete Fußballverein Derry City hatte nach Beginn der gewaltsamen Unruhen im Jahr 1969 arge Probleme, den Spielbetrieb im nordirischen Fußballoberhaus aufrecht zu erhalten. Obwohl der irisch-national orientierte Verein schon immer Spieler beider Konfessionen beschäftigte, kam es nach Spielen gegen protestantische Clubs wie Linfield FC oder Ballymena United zu erheblichen Ausschreitungen und Brandstiftungen. Dies führte zu einem Boykott vieler Ligakonkurrenten, die aus Sicherheitsgründen nicht mehr in Derry antreten wollten.

Demzufolge zog man für die eigenen Heimspiele übergangsweise ins gut fünfzig Kilometer entfernte Coleraine um. Dies funktionierte allerdings auch nicht, da die eigene Fangemeinde einen Stadionbesuch in der protestantisch geprägten Stadt aus politischen Gründen grösstenteils ablehnte. Da eine Rückkehr ins heimische Brandywell-Stadion durch den nordirischen Fußballverband und der Mehrheit der Ligakonkurrenten mehrfach abgelehnt wurde, musste der Verein am Ende die Notbremse ziehen. Knapp 10 Monate nach dem „Bloody Sunday“ zog man sich aus dem nordirischen Profifußball zurück und ging fortan als Amateurclub an den Start! 

Nach elf Jahren Bedeutungslosigkeit arbeitete der Club kontinuierlich an der Rückkehr in den Profifußball. Da eine Wiedereingliederung in das nordirische Fußballsystem weiterhin scheiterte, kam es Mitte der 1980er-Jahre zu einer durchaus historischen Entscheidung aller beteiligten nationalen und internationalen Fußballverbände. Der nordirische Meister von 1965 und dreifache nordirische Pokalsieger wechselte in den Verband der benachbarten Republik Irland und ging damit ganz offiziell in der Liga eines anderen Landes an den Start! Dort fand der Verein seinen endgültigen Frieden und konnte in den vergangenen gut vierzig Jahren zwei Meistertitel und sechs Pokalsiege feiern. 

In der laufenden Saison der irischen „SSE Airtricity League Premier Division“, welche als einzige Liga der britischen Inseln im sogenannten Kalenderjahr-Modus ausgetragen wird, stand die Mannschaft von Derry City vor dem 23. Spieltag im grauen Mittelfeld der Tabelle. Um Anschluss an die wichtigen Europapokalplätze zu finden, mussten im Heimspiel gegen Kellerkind Waterford FC unbedingt drei Punkte her.

Nach Anpfiff von Schiedsrichter Declan Toland dürfte sich der Großteil der knapp 3.000 Zuschauer verwundert die Augen gerieben haben. Obwohl die heimischen „Candystripes“ durchgehend spielbestimmend waren, konterte der Abstiegskandidat aus dem 400 Kilometer entfernten Waterford wie ein heißes Messer durch Butter. Als der 38-jährige Padraig Amond gut zwanzig Minuten vor Spielende mit seinem Treffer zum 3:0 für eine Vorentscheidung zu Gunsten der Gäste sorgte, kippte die Stimmung beim Heimpublikum vollends. Dabei sollte es noch einmal spannend werden, als Slevin (82.) und O’Reilly (85.) mit ihren Anschlusstreffern aus dem Nichts dafür sorgten, dass viele Fans noch einmal ins Stadion zurück rannten. Die aufkommende „Crunchtime“-Stimmung wurde allerdings durch den Norweger Voilas abrupt gestoppt, welcher in der Nachspielzeit einen letzten Konter zum 4:2 (1:0)-Endstand für Waterford FC verwertete.

Wer im übrigen auf der Suche nach unendlicher Fußballromantik ist, kommt am Brandywell Stadion von Derry City in keinem Fall vorbei. Das Stadion mit dem Namenszusatz des viel zu früh verstorbenen Kapitäns Ryan McBride besitzt ein Fassungsvermögen von 6.300 Zuschauern und ist definitiv einer dieser Sehnsuchtsorte, die man vornehmlich auf den britischen Inseln findet. Diese spezielle Mischung aus Tradition, Fankultur und Fußball-Leidenschaft unterscheidet sich in vielen Details vom deutschen Stil und ist mit wenigen Worten tatsächlich schwer zu erklären. Wenn man allerdings wirklich nur zwei Worte für einen Nachmittag im Brandywell zur Verfügung hat, würde „Pints & Pie“ vermutlich perfekt passen. 

Aber auch abseits des Fußballs wusste (London-)Derry mehr als nur zu gefallen. Die Stadt punktete mit der typischen (nord-)irischen Gastfreundschaft und einer begehbaren Stadtmauer aus dem 17. Jahrhundert, die sich auf einer Länge von 1,6 Kilometern durch die historische Altstadt schlängelt und für einige Panoramablicke sorgte. 

Generell denke ich, dass Nordirland als Urlaubsziel doch arg unterschätzt wird. Allein der nahe Derry befindliche Küstenabschnitt „Giants Causeway“ ist nicht nur einen Besuch wert, weil er auf der UNESCO-Welterbe-Liste steht, sondern weil er einfach nur atemberaubend ist! 

Die passenden Fotos und bewegten Story-Bilder aus Nordirland findet Ihr wie immer drüben in meinem Instagram-Netzwerk. Klickt Euch doch mal rein!

STAY TUNED…BLEIBT AUF EMPFANG!