Wenn man sich in lockerer Expertenrunde über europäische Rekordmeister unterhält, kommt man an Vereinen wie Manchester United, Real Madrid oder dem FC Bayern München in keinem Fall vorbei. Während mit etwas Konzentration und kurzer Überlegung dann auch noch Clubs wie Legia Warschau oder Dinamo Zagreb ins Kurzzeitgedächtnis schießen, dürfte der Name „Cetinkaya TSK“ fast schon ein Fall für die 125.000 Euro-Frage bei „Wer wird Millionär“ sein.

Dabei ist die Mannschaft aus der Türkischen Republik Nordzypern mit 14 nationalen Meistertiteln und 17 Pokalsiegen ein absolutes Schwergewicht. Bleibt die Frage zu klären, warum die Mannschaft aus der nordzyprischen Hauptstadt Lefkosia nur den hartgesottensten Insidern des europäischen Fußballs ein Begriff ist?

Dies hängt mit der komplizierten politischen Situation auf der Mittelmeerinsel zusammen, auf welcher lediglich der südlich gelegene Teil von der internationalen Staatengemeinschaft als Republik Zypern anerkannt wird. Dementsprechend war es den Vereinen aus dem „inoffiziellen“ Norden bislang nicht möglich, dem kontinentalen Fußballverband UEFA oder dem Weltfußballverband FIFA beizutreten. Eine Mitgliedschaft in den genannten Verbänden ist allerdings essenziell, um die eigene sportliche Entwicklung nachhaltig voranzutreiben und Dank der Wahrnehmung durch die weltweite Fußballfamilie an Profil zu gewinnen.

Auch das am Mittelmeer gelegene britische Überseegebiet Gibraltar war bis zum Jahr 2013 mehr oder weniger ein weißer Fleck auf der Fußball-Landkarte. Bis zur Aufnahme in die europäische Fußball-Union UEFA mussten sich die durchaus talentierten Fußballer vom Affenfelsen mit inoffiziellen Turnieren wie dem „FIFI Wild Cup“ begnügen, in dem man sich mit „Leidensgenossen“ wie Tibet, Sansibar, Grönland oder den bereits angesprochenen Nordzyprioten messen konnte.

Mit dem lang ersehnten Beitritt in die UEFA und der damit verbundenen Professionalisierung nahmen die gibraltarischen Fußballvereine in der Saison 2014/2015 zum ersten Mal an den europäischen Clubwettbewerben teil. Nach einem durchwachsenen Start sollte schon wenig später etwas passieren, das von Dublin bis Astana für Furore sorgte.

In der ersten Runde der Qualifikation zur UEFA Champions League 2016/2017 traf der bis dato völlig unbekannte gibraltarische Meister Lincoln Red Imps FC auf den schottischen Goliath Celtic FC aus Glasgow. Was für die grün-weiss gestreiften Schotten auf dem Papier gar nicht schief laufen konnte, entwickelte sich mit dem goldenen Tor des 34-jährigen Polizisten Lee Casciaro für die gibraltarischen Amateurfußballer zu einer der größten Sensationen der Europapokalgeschichte.

Die sportlich überraschende Nachricht über die äußerst peinliche Niederlage des 56-fachen schottischen Meisters schwappte selbstverständlich auch in die deutschen Sportmedien und entfachte meine Lust auf den gibraltarischen Fußball. Gut zehn Jahre nach dem Erstkontakt entwickelte sich bei zahlreichen Besuchen des nur 6,8 Quadratkilometer großen Gebietes aus lockerem Interesse eine echte Leidenschaft für den Fußball am Affenfelsen und seinen Rekordmeister Lincoln Red Imps FC. Was aber fasziniert mich genau am Fußball eines Landes, das aus Platzgründen sämtliche Ligaspiele in nur einem Stadion abwickelt? Es ist zum einen die interessante Mischung aus britischer (Fußball-)Kultur und iberischer Lebensfreude, zum anderen die ewige Suche eines hochmotivierten Underdogs nach der unfassbaren Sensation! Dazu gesellt sich eine Normalität, die man im durchgestylten und völlig überzuckerten Fußball der großen Fußballnationen nicht mehr unbedingt findet. Kurzum, Fußball in Gibraltar ist für das Herz gut geeignet und macht einfach Spaß!

Aktuell ist die Entwicklung des gibraltarischen Vereinsfußballs und der heimischen Nationalmannschaft eher gegenläufig. Während die Clubs in der UEFA-Fünfjahreswertung vor allem wegen der international erfolgreichen Red Imps wichtige Punkte sammeln konnten und damit auf einem ordentlichen 48. Rang stehen, zeigt die Tendenz bei der Nationalmannschaft aufgrund des völligen Neuaufbaus eher nach unten.

Was in Spanien oder England angesichts der unzähligen Talente mit Sicherheit weitaus einfacher ist, gestaltet sich in einer Nation mit nur knapp 38.000 Einwohnern deutlich schwieriger. Gerade die erste Generation mit verdienten Führungsspielern wie Roy Chipolina, Liam Walker oder dem bereits angesprochenen Lee Casciaro wird nach ihrem Rücktritt schmerzlich vermisst. Die Genannten sorgten in den ersten Jahren nach Beitritt in die europäische Fußballfamilie als absolute Leistungsträger für einige Achtungserfolge wie dem torlosen Unentschieden gegen die Slowakei (2013) oder den 1:0-Siegen gegen Lettland bzw. Armenien im Jahr 2018.

In den anspruchsvollen Generationenwechsel fiel dann auch die höchste Niederlage Gibraltars (0:14 gegen Frankreich in der Qualifikation zur UEFA Euro 2024), die man guten Gewissens als bisherigen (Fußball-)Tiefpunkt bezeichnen kann. Was sich vordergründig also nach Stagnation oder gar einem Rückfall in die Welt der chancenlosen Fußballzwerge anhört, fällt bei der bedingungslosen Integration von jungen und sehr unerfahrenen Spielern vermutlich eher in die Rubrik „teures Lehrgeld“. Aktuell besitzt man mit Spielern wie Tjay de Barr (26, Profi bei OFK Belgrad) oder dem Brüderpaar James (19, Arsenal U21) und Luca Scanlon (17, Burnley U19) aber auch durchaus talentierte Kandidaten, die Dank ihrer guten fußballerischen Ausbildung in die großen Fußstapfen der ersten Generation treten könnten.

Kurz vor Beginn der FIFA-Weltmeisterschaft kam es im Europa-Point-Stadion von Gibraltar zu zwei sehr exotischen Länderspielvergleichen. Im ersten Spiel traf die gibraltarische Nationalmannschaft auf das Team der Britischen Jungferninseln. Das Duell der beiden britischen Überseegebiete sollte vor allem ob der einmaligen Rückkehr eines Nationalhelden ein ganz besonderes Spiel werden. Der mittlerweile 44-jährige Lee Casciaro, der sein letztes reguläres Länderspiel im Oktober 2024 absolvierte, durfte als Kapitän ein letztes Mal für die „Jungs vom Affenfelsen“ ran.

Nach Anpfiff des andorranischen Schiedsrichters Chiaramonti übernahmen die Gastgeber sofort die vollständige Spielkontrolle. Obwohl beide Teams laut FIFA-Weltrangliste auf einem vergleichbaren Leistungsniveau agieren (202 vs 209), war die weitaus bessere Spielanlage und damit verbundene Überlegenheit der Europäer nicht zu übersehen.

Dementsprechend sorgten die Gastgeber durch Tore von James Scanlon, Leon Mason und einem erzwungenen Eigentor der Insulaner bereits zur Halbzeit für klare Verhältnisse. In der zweiten Halbzeit schaltete das Team von Nationaltrainer Scott Wiseman ein bis zwei Gänge zurück. Als sich der vierte Offizielle aus Andorra bereits auf die Auswechselung Casciaros einstellte, sorgte der Routinier mit seiner Vorbereitung zum 4:0-Endstand für ein letztes Highlight im rot-weißen Dress der Nationalmannschaft. Mit dem feinen Steckpass auf den fünfundzwanzig Jahre jüngeren Torschützen James Scanlon sorgte Casciaro auf sportlichem Wege für die endgültige Übergabe des Staffelstabs an die neue Generation.

Als die Leuchttafel mit der Nummer Sieben in der 64. Spielminute in die Höhe gestreckt wurde, holte sich Lee Casciaro in seinem Abschiedsspiel die stehenden Ovationen der 1.500 begeisterten Zuschauer ab. Der Torschütze des ersten gibraltarischen Pflichtspieltreffers aller Zeiten (das zwischenzeitliche 1:1 beim 1:6 gegen Schottland am 29.03.2015) sagte nach 67 Länderspielen „Adios und Good-Bye“.

Dies gilt allerdings noch nicht für seine Lincoln Red Imps, wo der 44-jährige auch in dieser Saison wie ein VW Käfer läuft und läuft und läuft! Hier dürfte er seinen Rekord aus der Vorsaison zukunftssicher einzementieren, da er bereits jetzt der älteste Spieler ist, der je in der Gruppen- bzw. Ligaphase der UEFA Conference League zum Einsatz kam.

Drei Tage nach dem emotionalen Abschiedsspiel kam es an gleicher Stelle erneut zu einem europäisch-karibischen Vergleich. Diesmal war die Mannschaft der Cayman Islands zu Gast in Gibraltar. Der Gast aus dem Steuerparadies ging vor 779 Zuschauern bereits nach wenigen Sekunden durch Christopher Reeves von Elite SC in Führung. Auch wenn sich die Kaimanen in der Folge überraschend gut verkauften und mit ihrem Deutschland-Legionär Jacobbi Tugman (SV Hemelingen) zu gefallen wussten, wurde es dann doch eine klare Sache für die Gastgeber. Am Ende stand ein 4:1 (1:1)-Heimsieg für Gibraltar auf der Anzeigetafel, welcher überall für freudige Gesichter sorgte. Einzig die Miene des neuen Co-Trainers Lee Casciaro war vergleichsweise ernst. Schließlich ist ein Wechsel vom Platz auf die Trainerbank eine Situation, mit der man sich nach all den aktiven Jahren erstmal arrangieren muss!

Die passenden Bilder und bewegten Storys zu den beiden Spielen gegen die Britischen Jungferninseln und die Cayman Islands im Schatten des Affenfelsens findet Ihr wie gewohnt in meinem Instagram-Netzwerk. Klickt Euch doch mal rein! 

STAY TUNED…BLEIBT AUF EMPFANG!

  • Gibraltar vs British Virgin Islands