Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Nationen legte man in Großbritannien schon immer viel Wert auf eine ordentliche Kopfbedeckung. Gerade bei besonderen Anlässen mit verpflichtender Abendgarderobe ist es auch jetzt noch mehr als angesagt, sich mit einem eleganten Hut von der Masse abzuheben.
Um den Bedarf einigermaßen zu decken, galt die englische Stadt Luton lange Zeit als Zentrum der heimischen Hutproduktion. Zu Beginn der 1930er-Jahre befanden sich über 500 Fabriken im Stadtgebiet, welche jährlich bis zu 70 Millionen Strohhüte und Melonen herstellten.
Im Laufe der Zeit änderte sich das industrielle Gesicht der 215.000-Einwohner-Gemeinde allerdings erheblich. Während die Anzahl der Hutmachereien nach Ende des 2. Weltkrieges kontinuierlich sank, fanden im örtlichen Vauxhall-Automobilwerk in Spitzenzeiten bis zu 35.000 Arbeitnehmer eine jahrzehntelange Beschäftigung.
Mit der endgültigen Schließung der Vauxhall-Fabrikation nach ziemlich genau 120 Betriebsjahren wurde Luton spätestens im vergangenen Jahr zu einem Paradebeispiel für den negativen Strukturwandel und die vielfältigen sozialen Probleme unserer Zeit. In der Gegenwart liegt die Arbeitslosenquote über dem Landesdurchschnitt. Zudem führte der hohe Bevölkerungsanteil von muslimischen Migranten aus Pakistan und Bangladesch (ca. 25 Prozent) in der jüngeren Vergangenheit zu erheblichen sozialen Spannungen. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass der mittlerweile landesweit bekannte rechte Aktivist Tommy Robinson seine „English Defence League“ ausgerechnet in Luton gründete.
Bei einem kurzen Spaziergang durch die zentrale Fußgängerzone Lutons war der soziale Verfall der einst blühenden Stadt deutlich sichtbar. Die überdurchschnittlich große Trinker- und Suchtszene vermittelte im Zusammenspiel mit den vielen Geschäfts-Leerständen in der etwas heruntergekommenen „Arndale-Shoppingmall“ ein neue Stufe der Trostlosigkeit. Um diesem traurigen Stadtbild wenigstens temporär zu entfliehen, blieb letztlich nur der Besuch des nahe gelegenen JD Wetherspoon-Pubs mit dem passenden Namen „The White House“ übrig. Bei unschlagbaren St. Patricks-Day-Kampfpreisen war es dann irgendwann völlig egal, wie es draußen aussieht!
Trotz der anhaltenden Tristesse wird Luton alljährlich von über 17,5 Millionen Menschen besucht. Die verirren sich allerdings in den wenigsten Fällen ins angesprochene Stadtzentrum, sondern steuern zielgerichtet den im Ortsteil Wigmore ansässigen Flughafen der Stadt an. Der unter dem Namen „London Luton“ firmierende Airport ist nur knapp 50 Kilometer vom Zentrum der britischen Hauptstadt London entfernt und konzentriert sich ausschließlich auf das Geschäft mit sogenannten Billigfluggesellschaften wie dem heimischen Anbieter EasyJet. Die britische Airline mit dem markanten Markenauftritt in Orange betreibt in Luton ihre europaweite Firmenzentrale und ist mitverantwortlich dafür, dass sich der 1938 eröffnete Regionalflughafen im Ranking der passagierstärksten britischen Airports mittlerweile auf dem fünften Platz festsetzen konnte. In der Gegenwart präsentiert sich der Flughafen mit seinen knapp 15.000 Jobs im Bereich Service, Einzelhandel, Technik und Logistik als echter Hoffnungsträger für den Arbeitsmarkt der angeschlagenen Stadt!
Auch der 1885 gegründete Fußballverein Luton Town FC trägt die (Vereins-)Farbe Orange seit jeher im Herzen. Deshalb war es fast schon logisch, dass der EasyJet-Schriftzug von 2009 bis 2015 auf dem Trikot des damaligen Fünftligisten prangte. Nach der Rückkehr in den Profifußball und einer gemeinsamen Spielzeit in der vierten englischen Liga zog sich die Airline als Sponsor der sogenannten „Hutmacher“ zurück.
Nach dem Ausstieg EasyJets fanden sich allerdings andere lokale Sponsoren, die den traditionsreichen Verein auf seiner spannenden Reise durch den englischen Profifußball unterstützten. Wenn man die vergangenen zehn bis zwölf Spielzeiten auf einem EKG darstellen würde, wäre die Überweisung zum Kardiologen und ein sofortiger Eingriff am offenen Herzen vermutlich unerlässlich. Nachdem man sich von 2014 bis 2019 recht zügig bis in die zweite englische Liga durchspielen konnte, folgte nach nur vier Zweitliga-Jahren der nie für möglich gehaltene Aufstieg in die milliardenschwere Premier League. Hier stieg man wie erwartet als Tabellenletzter sofort wieder ab und war sportlich offensichtlich so schwach, dass man nach einem Jahr in der zweitklassigen EFL Championship den bitteren Durchmarsch zurück in die Drittklassigkeit verkraften musste.
In der laufenden Saison gelang es dem noch jungen Trainer Jack Wilshere, die „Hatters“ in der drittklassigen EFL League One zu stabilisieren und den freien Fall vorerst zu stoppen. Nach 37 absolvierten Spieltagen stand das Team des ehemaligen Arsenal-Weltklassespielers im völligen Niemandsland der Tabelle und besaß dennoch eine vage Aufstiegschance, da der letzte Aufstiegs-Play-Off-Rang nur fünf Punkte entfernt war. Dementsprechend musste im Duell mit der abstiegsbedrohten Mannschaft des Exeter City FC unbedingt ein Sieg her, um das zarte Pflänzchen der Hoffnung wachsen zu lassen.
Nach Anpfiff von Schiedsrichter Alex Chilowicz entwickelte sich im Stadion an der Kenilworth Road vor 9.216 Zuschauern ein echter Schlagabtausch. Der Gast aus der Grafschaft Devon spielte trotz der Abstiegssorgen befreit auf und brachte die Gastgeber in der ersten Halbzeit des öfteren in arge Bedrängnis. Der unerwartete Offensivdrang Exeters hatte aber auch negative Folgen für die blau-weiß-gekleideten Gäste. In der Abwehr agierte man derart sorglos, dass die Hatters gar nicht anders konnten, als mit einer 3:1-Führung in die Halbzeit zu gehen. Für die gastgebenden Hutmacher trafen Kasey Palmer (13.), Jordan Clark (29., Elfmeter) und Hakeem Odoffin (45+5). Für den zwischenzeitlichen Ausgleich für Exeter zeigte sich Reece Cole verantwortlich (25.).
Als der Finne Niskanen seine „Grecians“ aus Exeter kurz nach Wiederanpfiff mit dem 2:3-Anschlusstreffer endgültig zurück ins Spiel holte, stellten sich so ziemlich alle Zuschauer auf einen Sturmlauf der Gäste ein. Der blieb aus unerfindlichen Gründen allerdings aus. Die Gastgeber fanden zurück ins Spiel und diktierten das Match in den verbleibenden Spielminuten. Dass es am Ende beim 3:2 (3:1)-Heimsieg für Luton Town blieb ist ausschließlich der schwachen Chancenverwertung geschuldet, welche in der ersten Halbzeit noch wie geschmiert lief.
Mit dem wichtigen Sieg verkürzte die Wilshere-Elf kurz vor dem Saisonendspurt tatsächlich noch einmal den Abstand auf die Play-Off-Plätze und kann sich berechtigte Hoffnungen auf eine erneute Wiederauferstehung machen. Ob der nach Spielende aus den Stadionlautsprechern dröhnende Song „Magic“ allerdings auf den Spielverlauf bezogen war, darf guten Gewissens zumindest angezweifelt werden.
Vielmehr passte der in voller Lautstärke abgespielte Oldie der schottischen Band „Pilot“ zum Stadion des Clubs. Die 1905 eröffnete Spielstätte an der Kenilworth Road fasst gut 10.000 Zuschauer und ist so etwas wie der Prototyp eines altehrwürdigen englischen Fußballstadions. Gerade im Vergleich zu den modernen Arenen unserer Zeit ist die Kenilworth Road der absolute Gegenpol. Das Stadion befindet sich inmitten einer „Working-Class“-Wohnsiedlung mit den typisch englischen Reihenhäusern und versprüht den Charme der 1970er-Jahre. Speziell bei Abendspielen entfacht das Stadion seinen vollen Zauber, wenn sich das eingeschaltete Flutlicht in den Fenstern der Häuser spiegelt und die Straßenbeleuchtung damit überflüssig macht. Richtig skurril wird es dann aber, wenn der unwissende Besucher das Stadion über die Oak Road betreten möchte. Um seinen Platz im Stadion einzunehmen, muss man sich entweder durch das Erdgeschoß der angrenzenden Wohnhäuser kämpfen oder einen circa zwei Meter breiten Weg nutzen, welcher durch die Hinterhöfe und Gärten zum Haupteingang des Stadions führt!
Auch im Stadioninneren ist man in Sachen Barrierefreiheit, uneingeschränkter Sicht aufs Spielfeld und einem zeitgemäßen Sitzkomfort teilweise sehr weit vom „modernen Fußball“ entfernt. Alle vier Tribünen unterscheiden sich in der Bauweise voneinander und sind so verschnörkelt zusammengeschustert, dass einem wirklich das Herz aufgeht. In Kombination mit dem in einem Überseecontainer untergebrachten Fanshop und dem im Eckhaus befindlichen „Tante Emma“-Ticketshop ist es nicht einmal ansatzweise vorstellbar, wie man mit diesem Stadion für ein Jahr Bestandteil der teuersten und wertvollsten „Glamour“-Liga der Welt sein konnte.
Dementsprechend tut es gut, dass auch die milliardenschwere Premier League gelegentlich ein Produkt vermarkten muss, das nicht vollkommen ist und mehr als eine Macke besitzt!
Das war das magische Luton…wie gewohnt gibts in meinen Social-Media-Netzwerken bei Instagram und Facebook die passenden Fotos und bewegten Story-Bilder. Klickt Euch doch einfach mal rein!
STAY TUNED…bleibt auf Empfang!
Auf all meinen Reisen durch die Fußballstadien dieser Welt ist Aktualität ein wichtiger Bestandteil meiner Homepage! Leider bieten manche Reiseziele nicht genug „Futter“ für einen ausführlichen Spiel- und Reisebericht oder sind wiederum so intensiv, dass ich für einen umfangreichen Blog mehr Zeit und Inspiration benötige.