Wenn es im August einmal mehr zum üblichen Sensationssieg der unterklassigen Feierabendfußballer im DFB-Pokal kommt, wird der sichtlich enttäuschte Trainer des Profivereines vor den TV-Kameras zähneknirschend feststellen, dass der Pokal halt seine eigenen Gesetze besitzt und es keine Kleinen im Fußball mehr gibt.

Damit es überhaupt zu einem dieser ewig jungen David-gegen-Goliath-Duelle in der ersten Hauptrunde des Wettbewerbs kommen kann, müssen die teilnehmenden Amateurclubs in Deutschland einen ganz weiten und vor allem steinigen Weg bestreiten, der unter Umständen zwei lange Jahre dauern kann.

Dies liegt am recht exklusiven Spielmodus des deutschen Pokalwettbewerbs, der je nach Tabellensituation sogar für Leistungssport betreibende Oberligisten mit einem Ascheplatz-Duell im Kreispokal beginnen kann. Die Gewinner dieser lokal begrenzten Kreispokal-Turniere dürfen erst in der Folgesaison eine Stufe vorrücken und im nächsthöheren Wettbewerb ihres Landesverbandes antreten. Hier wird es dann so richtig spannend, wenn man sich in eines der insgesamt 21 Verbandspokal-Endspiele durchkämpft und mit einem Sieg das endgültige Startrecht in der Hauptrunde des DFB-Pokals erhält. In diesem System mit zwei unabhängigen Pokalwettbewerben kann sich theoretisch also der schwächste C-Ligist aus der elfthöchsten deutschen Spielklasse für ein „Spiel des Lebens“ gegen den FC Bayern München qualifizieren. Die Mannschaft muss halt nur innerhalb von zwei Jahren bis zu dreizehn Spielrunden überstehen, zwei regionale Pokale gewinnen und das Losglück eines mehrfachen Lottogewinners besitzen!

Im seit 1917 ausgetragenen französischen Pokalwettbewerb „Coupe de France“ ist der Weg des krassen Amateur-Außenseiters von unten nach oben zwar weitaus schneller, mindestens aber genauso schwierig. Bei unseren französischen Nachbarn ist die regionale Phase nämlich kein eigenständiger Wettbewerb, sondern lediglich ein vorgelagerter Bestandteil der Hauptrunde.

Der „Coupe de France“ beginnt wie die Hauptrunde des DFB-Pokals im hochsommerlichen August. Während sich in der ersten Runde des deutschen Pokals bereits die über Kreis- und Landespokal qualifizierten Amateurvereine mit den Proficlubs der ersten und zweiten Bundesliga messen dürfen, treten in der ersten Pokalrunde Frankreichs ausschließlich Amateurclubs von der siebten bis zur fünfzehnten Klasse gegeneinander an. 

Am Beispiel der Saison 2025/2026 waren dies stolze 5.162 Vereine, die in der ersten Runde zumindest vom großen Finale in Paris träumen durften. Bis zur sechsten Runde, die schon Ende Oktober ausgespielt wird, kommen die Vereine der Spielklassen Sechs bis Drei nach und nach dazu.

Kurz vor Beginn der beliebten Weihnachtsmarkt- und Glühweinzeit kommen all diejenigen auf ihre Kosten, die noch ein paar Flugmeilen zur Statusverlängerung benötigen oder einfach mal wieder Lust auf einen eisgekühlten Cocktail in exotischer Umgebung besitzen. In den Spielrunden Sieben und Acht steigen neben den französischen Zweitligisten die Mannschaften aus den sogenannten Übersee-Departments in den Wettbewerb ein. Die vom französischen Fußballverband FFF ausgesuchten Mannschaften aus Tahiti, Martinique, Neukaledonien oder auch Réunion reisen entweder nach Frankreich oder empfangen ihren Kontrahenten vom Festland in heimischer Insel-Atmosphäre. Da die erheblichen Reisekosten von einem Amateurverein kaum zu stemmen sind, greift die FFF dabei finanziell kräftig unter die Arme. 

Deshalb dürfte bei den reisefreudigen „Allesfahrern“ des Fünftligisten FC Mulhouse in der vergangenen Spielzeit großer Jubel ausgebrochen sein, als die Losfee dem an der deutschen Grenze ansässigen Club ein Auswärtsspiel beim neukaledonischen Spitzenclub AS Magenta bescherte. Trotz der erheblichen Entfernung von 16.000 Kilometern und den damit verbundenen Reisestrapazen siegte der französische Festlandclub auf der westlich von Australien befindlichen Pazifikinsel mit 3:0 und zog in die achte Runde des Pokals ein. 

Die neunte Runde des „Coupe de France“, also die Runde „der letzten 64 Mannschaften“, wird kurz vor dem besinnlichen Weihnachtsfest ausgetragen und ist am ehesten mit der deutschen Auftaktrunde im August vergleichbar. Hier steigen die achtzehn französischen Erstligisten in den Pokal ein und treffen auf die übrig gebliebenen Mannschaften. Mit Blick auf die Saison 2025/2026 waren das neben diversen Zweit- und Drittligisten immerhin noch acht Sechstligisten, eine Mannschaft aus der siebten französischen Liga und mit AS Le Gosier eine weitgereiste Mannschaft aus dem Überseegebiet Guadeloupe. 

In den weiteren fünf Spielrunden bis zum Finale dünnte sich das Teilnehmerfeld der Amateure sehr schnell aus. Schon im Achtelfinale bestand das Tableau nur noch aus Mannschaften der ersten beiden professionellen Ligen. Einzige Überraschung war tatsächlich das frühe Ausscheiden von Rekordmeister Paris St. Germain, der gegen den kleinen Stadtrivalen Paris FC im Sechzehntelfinale den Kürzeren zog. 

Das Finale des „Coupe de France“ findet traditionell im Großraum Paris statt. Mit der Fertigstellung im Jahr 1998 löste das Nationalstadion „Stade de France“ den innenstadtnäheren „Parc de Princes“ als festen Endspielort ab. Nur einmal musste man in den vergangenen Jahren ins nordfranzösische Lille ausweichen, da die Hauptstadtstadien für die olympischen Sommerspiele im Jahr 2024 auf Vordermann gebracht wurden. 

Auch wenn das französische Nationalstadion mittlerweile fast dreißig Jahre auf dem Buckel hat, stellt es mit der umliegenden Infrastruktur immer noch eine hochmoderne und sehr individuelle Arena dar. Problematisch ist tatsächlich die Nachbarschaft des Pariser Vororts Saint Denis, welche aufgrund der vergleichsweise hohen Kriminalitätsrate gerade außerhalb von Spieltagen durchaus mit Vorsicht zu genießen ist. Dazu sollte man in Frankreich immer die allgegenwärtige Terrorismus-Thematik im Auge behalten, welche aufgrund des mit Maschinengewehren hochgerüsteten Polizei- und Miltäraufgebotes am Spieltag noch weitaus sichtbarer als woanders ist.

Die Stimmungslage der diesjährigen Finalteilnehmer hätte nicht unterschiedlicher sein können. Während der RC Lens in der Ligue 1 eine überragende Saison spielte und sich als Vizemeister für die UEFA Champions League qualifizierte, war die Stimmung bei Gegner OGC Nice komplett auf dem Tiefpunkt. Das Team von der Cote d´Azur musste nach dem Pokalfinale noch in die Abstiegsrelegation, was am letzten Spieltag zu körperlichen Angriffen der Fanszene auf die eigene Mannschaft führte.

Dementsprechend war es auch nicht verwunderlich, dass bei Anpfiff von Schiedsrichter Jerome Brisard die Vereinsfarben des RC Lens auf den Tribünen des wirklich beeindruckenden „Stade de France“ klar dominierten. Vorsichtigen Schätzungen zu Folge befanden sich unter den insgesamt 76.000 Zuschauern über 50.000 gelb-rote Anhänger des Arbeiterclubs aus dem Departement Pas-de Calais

Nach einer ausgeglichenen Anfangsphase ging der Favorit durch Florian Thauvin in Führung (25.). Als Odsonne Edouard kurz vor dem Halbzeitpfiff auf 2:0 erhöhte, konnte man innerhalb der Mannschaft des OGC Nice bereits in viele leere Augen blicken. Die jungen Adler aus Nizza um den weitaus älteren Kapitän Dante zeigten allerdings Moral und kamen noch vor der Pause zurück, als Djibril Coulibaly in der Nachspielzeit verkürzte und seiner Mannschaft neues Leben einhauchte. In der zweiten Halbzeit zeigte sich der OGC stark verbessert und drückte mit viel Herz tatsächlich auf den Ausgleich. Dass der nicht mehr fiel, erklärte schon der völlig unterschiedliche Saisonverlauf beider Teams. Nizza traf die Latte und Lens-Akteur Abdallah Sima nutzte wenig später ein haarsträubendes Missverständnis in der Nizza-Defensive für die endgültige Entscheidung (78.). 

Mit dem 3:1 (2:1)-Sieg über den OGC Nice gewann der RC Lens zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte den „Coupe de France“. Dies stellt den grössten Erfolg seit der sensationellen und bislang einzigen Meisterschaft im Jahr 1998 dar. Zudem konnte man endlich seinen Frieden mit dem „Stade de France“ schließen, in welchem man das allererste Finale im Jahr 1998 verlor (1:2 gegen PSG). 

Während das stimmungsvolle Endspiel mit dem üblichen Feuerwerk und der Pokalübergabe durch Staatspräsident Emmanuel Macron endete, befanden sich die Spieler des unterlegenen OGC Nice bereits in der Vorbereitung auf die überlebenswichtigen Relegationsspiele gegen den Zweitligisten AS St.-Etienne. Die endeten in der Addition mit 4:1 für den Erstligisten und sorgten doch noch für ein versöhnliches Saisonende.

Das war ein kurzer und knackiger Ausflug in die „Grande Nation“, zwar nicht mit dem „Taxi nach Paris“, diesmal aber ganz ohne Flugzeug! Wie gewohnt gibts in meinem Social-Media-Netzwerk bei Instagram die passenden Fotos und bewegten Story-Bilder aus Paris und Saint Denis! Klickt Euch doch einfach mal rein! 

STAY TUNED…BLEIBT AUF EMPANG!